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Kein Licht im Dunkel

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Gewalt gegen Kinder waren an der Tagesordnung. (Symbolbild)
Gewalt gegen Kinder waren an der Tagesordnung. (Symbolbild) © Andreas Arnold

Hat ein Mann einem Zweijährigen durch heftiges Schütteln Hinrblutungen zugefügt? Oder nicht? Er gilt als gewalttätig, aber es gibt keine Zeugen für die Tat. Ein allzu alltäglicher Horror. Vor Gericht und in zu vielen Haushalten.

Von Fabian Siegel

Es ist ein Verwirrspiel, an dem sich wohl selbst der Drehbuchautor einer Gerichtsshow die Zähne ausgebissen hätte: Aussage steht gegen Aussage, mit jeder Zeugenaussage bekommt der Fall eine neue Wendung. Fest steht nur eins: Ein zweijähriges Kind wurde lebensgefährlich misshandelt. Durch kräftiges Schütteln habe der Junge starke Hirn- und Netzhautblutungen erlitten, sagen die ärztlichen Gutachter.

Für die Tat vor dem Amtsgericht verantworten muss sich ein 28-jähriger Mann aus Wiesbaden. Er soll laut Anklage mit der Mutter des Kindes zusammengelebt haben und mehrfach gewalttätig geworden sein, unter anderem am Tatmorgen im September des Jahres 2010.

Tränen der Lebensgefährtin

Der Mann bestreitet jedoch alles. In der Nacht vorher will er mit seinen Cousins unterwegs und mit diesen auch noch am Morgen zusammen gewesen sein – ein Alibi, das einer der beiden Verwandten inzwischen aber widerrufen hat. Es ist die erste Wendung an diesem Prozesstag. Und plötzlich meldet sich ein Mann im Publikum, der sich als Freund des Angeklagten ausgibt und wissen will, warum der Cousin seine Aussage widerrufen hat. Um Rache soll es gegangen sein, wegen einer öffentlichen Bloßstellungen.

Der Angeklagte bestätigt die Geschichte – sachlich und unaufgeregt. Er ist das komplette Gegenbild zu seiner ehemaligen Lebensgefährtin: Die 29-Jährige weint schon, als der Richter die Anklagepunkte resümiert, sitzt eingesackt neben der Zeugenbetreuerin und ihrem Anwalt. Beide hat sie aus „Angst vor dem Angeklagten“ mitgebracht . Sie erzählt von seinen angeblichen Angriffen auf sie und ihre beiden Kinder, einmal fällt sogar das Wort Vergewaltigung. Am Tatmorgen soll er mit dem Jüngeren in der Wohnung gewesen sein, während sie den Großen zum Kindergarten gebracht habe. Als sie zurückkam, habe sie den Mann mit dem leblosen Jungen vorgefunden. Der Angeklagte gibt an, dass er erst später von der Frau gerufen worden sei und deshalb am Tatort war.

"Unglaublich schwierig"

„Der Fall ist unglaublich schwierig, da es keine direkten Zeugen der Tat gibt“, sagt Richter Martin Blanke. Hinzu komme, dass Nachbarn wiederum die Mutter beschuldigen, ihre Kinder mehrfach – auch in der Öffentlichkeit – geschlagen zu haben. Auch gegen die Mutter wurde deswegen ermittelt. Das Sorgerecht wurde ihr inzwischen aberkannt. Die Staatsanwaltschaft entschied sich aber schließlich, gegen ihren Partner Anklage zu erheben.

Als dann der Noch-Ehemann und Kindsvater den Anwalt, den die Frau im Sorgerechtsstreit eingeschaltet hatte, ins Spiel bringt, wird die Geschichte noch verworrener: Kurz vor der Tat habe er anonyme Briefe bekommen, die besagt hätten, die Frau lebe inzwischen mit dem Anwalt zusammen. Und der habe sich mehrfach aggressiv gegenüber den Kinder verhalten.

Die Aussage trägt nicht dazu bei, dass mehr Licht ins Dunkel des Falles kommt. Stattdessen will das Gericht weitere Zeugen anhören: Am kommenden Freitag wird die Verhandlung fortgesetzt. Dritter Termin ist der 10. Dezember.

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