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Ein Kapitän geht von Bord

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Von: Ute Fiedler

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Als Leiter der Diakonie erreichte Gustav Förster viel Gutes.
Als Leiter der Diakonie erreichte Gustav Förster viel Gutes. © P. Jülich

Gustav Förster hat zehn Jahre lang die Diakonie geleitet, jetzt verlässt er Wiesbaden - ohne einen konkreten Plan für die Zukunft.

Seine Karriere hat Gustav Förster, Leiter der Diakonie, zu einem kleinen Teil Horatio Hornblower zu verdanken. Dem fiktiven Seehelden, der zu Zeiten Napoleons an wilden Seeschlachten teilgenommen, Wind, Wetter und der stürmischen See getrotzt hat. Zur Konfirmation hat Gustav Förster den ersten Band der Geschichte geschenkt bekommen und war so fasziniert, dass er Seefahrer werden wollte. Doch nach einem bewegten Jahr auf See kam es anders: Förster wurde Sozialpädagoge und am Freitag nach zehn Jahren als Leiter der Diakonie verabschiedet.

Vom der See zum Sozialen

Mit 17 zog es Förster jedoch tatsächlich erst einmal von Ingelheim nach Hamburg, wo er auf einem Containerschiff anheuerte. Schnell war die Seefahrerromantik verflogen. Nur nachts, wenn der Steuermann müde war, begann für den 17-Jährigen das große Abenteuer. Dann durfte er das Steuer übernehmen und den Koloss durch den Ärmelkanal steuern.

Im Vorstellungsgespräch bei der Diakonie vor zehn Jahren begegnete ihm Horatio Hornblower dann zum zweiten Mal. Ein Vorstandsmitglied kannte die Geschichte des Seehelden, schaute sein Gegenüber an und sagte: „Kapitän auf dem Schiff sind Sie also nicht geworden. Aber so viel anders ist die Arbeit hier auch nicht.“ Und Förster hatte den Job.

Wenn der 58-Jährige über seinen Werdegang spricht, klingt er zufrieden und froh, dass alles so gekommen ist. Ein paar mächtige Karrieresprünge hat der hochgewachsene, sportliche Mann gemacht. Zum Beispiel nach seinem Sozialpädagogik-Studium. Da wurde er vom Hausaufgabenbetreuer direkt zum Leiter des Kinder- und Beratungszentrums Wachsacker befördert. Ein Zufall, sagt der 58-Jährige zurückblickend. Und eine riesige Herausforderung für den jungen Hochschulabsolventen, der damals mit Führungsaufgaben nicht viel am Hut hatte. „Wer Sozialpädagogik studierte war eher links orientiert, Führungspositionen waren uns eher suspekt.“

Die Skepsis verflog, als Förster sah, was er und sein Team in der Wohnungslosensiedlung Wachsacker alles erreichten. „Nach und nach haben sich die Menschen mit ihrem Wohnort identifiziert. Das war stark.“ 20 Jahre wirkte er dort. Doch als Dinosaurier wollte er nicht enden, weswegen er sich schließlich auch auf den Leiterposten bei der Diakonie bewarb. Und auch dort erreichte er einiges, jedoch nicht alles, sagt er und blickt zum ersten Mal während des Gesprächs nachdenklich drein. „Ich hätte gerne ein Haus gefunden für suchtkranke Wohnungslose, bei denen jede Therapie vergebens wäre. Eines, in dem sie ihren Lebensabend verbringen können.“ Doch das blieb ihm verwehrt.

Während andere, hätten sie Erfolge wie Förster vorzuweisen, sie rausposaunen würden, gibt sich der 58-Jährige bescheiden. Um die Ausrichtung der deutschen Meisterschaft im Straßenfußball macht er ebenso wenig Tamtam wie um die Einrichtung Trockendock. In der leben ehemals Obdachlose, die sich von ihrer Alkoholsucht lösen wollen. Das Projekt läuft gut, viele schaffen den Absprung, sagt Förster, der gerade aus diesen Erfolgen Kraft zieht. Jedoch nicht nur.

Fast jeden Tag macht Gustav Förster Sport. Er ist begeisterter Triathlet, war schon in Hawaii und landete tatsächlich dort auf dem Podest. „Denn dort werden die ersten fünf ausgezeichnet. Ich war Vierter.“ Fast exzessiv betreibt er Sport, fährt Rad, geht schwimmen oder laufen. Nach einer Verletzung will er im Dezember wieder richtig loslegen. Zeit hat er dann zur Genüge – auch für seine vielen anderen Hobbys: tauchen, segeln, Motorrad fahren, wandern und seine Tonbänder. Und natürlich für seine Frau.

Neues Leben in der Steiermark

Mit ihr will er in der Steiermark in der Nähe von Graz ein neues Leben anfangen. Unglücklich, dass er alle Brücken hinter sich abreißt, ist er nicht. „Naja, vielleicht etwas. Aber ich bin ein sehr neugieriger Mensch und freue mich auf neue Herausforderungen.“ Einen Plan, was er machen wird, hat er noch nicht. Am liebsten würde er ehrenamtlich jungen Sportlern seine Triathlon-Erfahrungen weitergeben. „Vielleicht schreibe ich auch ein Buch: ,Feuer der Ausdauer’“. Mit der Seefahrt und Horatio Hornblower wird es jedoch nichts zu tun haben.

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