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Kalkulierte Katastrophe

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Von: Arne Löffel

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Solche Apache-Helikopter der US-Armee sind auf dem Airfield in Erbenheim stationiert und trainieren hier für den Ernstfall. rtr
Solche Apache-Helikopter der US-Armee sind auf dem Airfield in Erbenheim stationiert und trainieren hier für den Ernstfall. rtr © X00446

Eine Studie analysiert die Anzahl der Überflüge am Industriepark und ermittelt das Riskio eines Absturzes bei dem tatsächlich Menschen sterben. Die US-Armee möchte die Anzahl der Flüge allerdings erhöhen.

Was passiert eigentlich, wenn ein Apache-Kampfhubschrauber oder ein Militärflugzeug auf ein großes Chemiewerk wie Kalle-Albert oder InfraServ stürzt? Und wie gefährlich ist das für die Bevölkerung? Das sind grundlegende Fragen einer Studie, die derzeit in den parlamentarischen Ausschüssen der Stadt und den betroffenen Ortsbeiräten debattiert wird. Erstellt hat die Studie das Matrisk-Institut aus Zürich im Auftrag des Umweltamtes. Das Institut beschäftigt sich, wie der Name andeutet, mit der mathematischen Bewertung von technischen Risiken.

Die Antworten, die das Institut auf die drängenden Risiko-Fragen gibt, sind nüchtern: In den meisten Fällen passiere wenig Gefährliches – wenn man von den direkt am Absturz beteiligten Menschen, Maschinen und Gebäuden absieht. Aber an sechs Stellen im Chemiepark lagern rund 1300 Tonnen mehr oder minder gefährliche Chemikalien, zum Beispiel Formaldehyd (giftig) und Dimethylsulfat (sehr giftig).

Geringes Risiko

Die Studie beleuchtet laut Matthias Schubert vom Matrisk-Institut die mögliche Zahl der Todesfälle pro Ereignis, also pro Absturz. Laut Studie stehen die Chancen, dass bei einem Absturz tatsächlich Menschen sterben, bei derzeit 9500 Flugbewegungen pro Jahr, bei eins zu einer Million. Statistisch gesehen sei daher nur alle 12 000 Jahre mit einem Absturz zu rechnen.

Schubert ist sich auch im Fall Wiesbaden des jetzt schon bestehenden (Rest-)Risikos bewusst: Ein Todesfall sei nicht akzeptabel, betont die Studie.

Die US-Armee möchte aber die Zahl der Flüge gern noch erhöhen, auf bis zu 17 000 Bewegungen pro Jahr. Das sprengt laut Matrisk aber das Maß des Akzeptabelen. Die Frage lautet nun, ab wie vielen Flugbewegungen die Politik die Grenze zwischen akzeptabel und inakzeptabel ziehen wird, wann sich Investitionen lohnen, um Menschenleben zu retten.

Eine um drei Grad steilere Flugkurve über dem Chemiepark würde das Risiko eines schrecklichen Unfalls bereits jetzt minimieren, sagt die Studie. Das ist aber ein rein statistischer Wert: Je größer die Höhe, aus der ein Gegenstand fällt, umso größer ist auch der Radius, in dem der Gegenstand aufschlagen kann. Das gilt auch für Flugzeuge. Sprich: Je höher das Flugzeug, desto unwahrscheinlicher ein direkter Treffer des Chemiewerks. Nach Angaben des Umweltdezernats könnte das aber mehr Fluglärm in Biebrich zur Folge haben.

Eine Verlegung der Flugroute

Noch sicherer erscheint, dass die Flugzeuge und Hubschrauber einfach einen Bogen um das Chemiewerk fliegen. Das geht aber laut Studie nur, wenn die Piloten die Instrumente ausschalten und auf Sicht fliegen. Ansprechpartner für eine Verlegung der Flugrouten ist die US-Armee, die sich in den Diskussionen gewohnt hartleibig zeigt.

Auch ein Vorstoß von Oberbürgermeister Sven Gerich (SPD) beim Bundesverteidigungsministerium ist laut Goßmann nicht „befriedigend“ verlaufen. Im Hinblick auf die Konzentration der US-Armee am Stützpunkt Erbenheim und die dort bereits getätigten Investitionen ist wohl auch nicht mit einem freiwilligen Einlenken der US-Militärführung zu rechnen.

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