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Der Kaiser im Krieg

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Von: Christina Franzisket

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Im Keller der Elly-Heuss Schule schlummerte Jahrzehnte lang ein einzigartiges Portrait. Beim Ausmisten fanden Mitarbeiter der Schule ein Bild von Kaiser Wilhelm II aus dem Jahr 1916.

Beim Stöbern im Keller hat Holger Rainer Stunz ein Stückchen verschollene Schulgeschichte gefunden. Der Fachbereichsleiter für Geisteswissenschaften an der Elly-Heuss-Schule entdeckte im August vergangenen Jahres beim Ausmisten des Schulkellers ein einzigartiges Portrait von Kaiser Wilhelm II aus dem Jahr 1916. Im gleichen Jahr war auch das Gebäude der Elly-Heuss-Schule fertiggestellt und eröffnet worden.

„Bei meinem Gang durch den Keller fiel mein Blick auf einige alte Bilder, die an der Wand lehnten“, erinnert sich Stunz. Er schaute sich die Werke an, es waren überwiegend Kunstdrucke. „Zum Teil sehr kitschig“, sagt er, „doch eins war anders.“ Es war ein Portrait von Kaiser Wilhelm II, in einem schweren Holzrahmen. Da es im Keller feucht und ungeschützt stand, ließ Stunz es „bergen“. „Es war so schwer, dass einige Kollegen beim Tragen helfen mussten.“

Kein anderes Bild ähnelt dem Fundstück aus dem Keller

Im Zimmer der Rektors konnte das Fundstück zum ersten Mal bei Licht betrachtet werden: Kaiser Wilhelm posiert auf dem Bild mit ernster Mine. Er trägt eine Felduniform und einem dunklen Militärmantel. Der Himmel hinter ihm ist düster, grau und wirkt bedrohlich: „Das Gemälde zeigt den Kaiser im Krieg“, sagt Stunz. Zu der Zeit sei es üblich gewesen, dass Portraits des Kaisers aufgehängt wurden, auch an Schulen. „Der Kaiser hing damals nicht nur im Zimmer des Direktors, auch an strategischen Punkten, die gut sichtbar waren“, sagt Stunz. So gehe man davon aus, dass dieses Bild, aufgrund seiner beachtlichen Größe von rund eineinhalb mal ein Meter im Treppenhaus der Elly-Heuss-Schule hing.

Der Lehrer wandte sich mit der Bitte um Einschätzung des Werkes an Experten des hessischen Landesmuseums: „Schnell war klar, es ist ein Unikat.“ Es sei kein Foto und kein anderes Bild des Kaisers dokumentiert, dass dem Fund der Elly-Heuss-Schule ähnelt: „Es wurde also nicht abgekupfert oder umgemalt.“

Geschaffen wurde es laut der Datierung mitten im Ersten Weltkrieg, 1916, von Erich Frölich, einem Wiesbadener Maler. „Er war in der Stadt durchaus bekannt, aber nicht darüber hinaus.“ Deshalb sei es ausgeschlossen, dass der Kaiser für Frölich Modell gestanden habe. „Wilhelm war bekannt, es gab unzählige Bilder von ihm“, sagt Torben Giese vom Stadtmuseum. „Schon zu Zwecken der Propaganda für die Monarchie. Frölich wird ihn aus dem Kopf gemalt haben“, sagt Giese.

Das Motiv entspräche der Zeit aus der es stamme: „Wilhelm trägt keine Paradeuniform, sondern einen Militärmantel, es zeigt ihn im Krieg.“ Andere Portraits zeigten den Kaiser stehts strahlend, heroisch bei Empfängen oder Festen: „Früher hatte jeder seinen eigenen Wilhelm zu Hause hängen, doch immer den strahlenden, oft jung wirkenden Kaiser“, sagt Giese. Auf diesem Gemälde hingegen sind die Zeichen des Alters im Antlitz des Kaisers deutlich sichtbar, er strahlt nicht, wirkt nicht prunkvoll: „Dieses Bild sieht so gar nicht nach Sieg aus“, sagt Bernd Blisch kommissarischer Leiter des Stadtmuseums.

Wurde von Revolutionären beschädigt

Blisch und Giese freuen sich über den historischen Fund und hoffen, das er irgendwann ins Stadtmuseum einziehen wird. Eine Woche lang wurde das Gemälde bereits von Restaurateuren im Stadtmuseum konserviert, aber noch nicht restauriert – obwohl das Gemälde erhebliche Schäden aufweist, doch die seien ebenso von historischem Wert: „Sie stammen offensichtlich nicht von Transport oder Lagerung“, sagt Stunz.

Die Schlitze und Löcher in der Leinwand seien vermutlich um 1918 von kaiserfeindlichen Revolutionären mit Messern absichtlich in das Bild gestochen worden. „Es gibt viele Bilder des Kaisers, die beschädigt sind. Dieses hat Einstichlöcher der Brust von Wilhelm“, sagt Giese.

Der Fund hat Schüler und Lehrer der Heuss-Schule inspiriert, die Geschichte ihrer Schule zu erforschen: „Wir planen ein gemeinsames Projekt mit dem Stadtmuseum“, kündigt Stunz an. Dabei will eine Geschichts-AG aus Schülern die Rolle der Elly-Heuss-Schule und ihrer Schülerinnen im Ersten Weltkrieg recherchieren. „Damals war die Schule nur für Mädchen“, sagt Stunz. „Und die mussten Liebesgaben an die Front schicken“, verrät er.

Das seien gehäkelte Socken, Briefe oder Lektüre gewesen. „Der Krieg spielte sich zwar nicht unmittelbar in Deutschland ab, doch war er im Leben der Menschen und auch der Heuss-Schülerinnen allgegenwärtig“, sagt Giese.

Das Stadtmuseum plant im September diesen Jahres eine Ausstellung zum Ersten Weltkrieg, bis dahin wollen auch die Elly-Heuss-Schüler aus ihren Forschungen eine eigne Ausstellung fertig haben und sie in der Schule präsentieren. Darin soll auch das Fundstück aus dem Keller eine besondere Rolle spielen.

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