Hilfe und Beratung gibt es auch bei Internetsucht.
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Hilfe und Beratung gibt es auch bei Internetsucht.

Präventionstag Schlossplatz

Die Infektion der Rechner

Spionage-Software zum selber Basteln: Beim zweiten Präventionstag auf dem Wiesbadener Schlossplatz informiert die Polizei über Internetkriminalität. 30 Prozent der deutschen Computer sind mit Viren infiziert.

Von Mirjam Ulrich

Die jungen Mädchen aus Wiesbaden ahnen nicht, dass sie beim Um- und Ausziehen heimlich gefilmt werden – von ihrer eigenen Webcam. Die Aufnahmen landen alle im Internet. Denn andere Jugendliche haben mit Hilfe eines „Baukastens“ im Internet einen Trojaner, eine Spionage-Software, gebastelt. Nachdem die Laptops der Mädchen aus Wiesbaden damit infiziert waren, konnten sie unbemerkt die Webcams aktivieren und die Mädchen filmen. So geschehen im Jahr 2011.

Diesen Fall schildert Kriminalhauptkommissarin Petra Kain beim zweiten Wiesbadener Präventionstag. Sie ist beim Polizeipräsidium Westhessen zuständig für Internetprävention. „Die Straftaten im Internet und mit seiner Hilfe steigen rasant an“, stellt sie fest. Schließlich nutzten allein in Deutschland mehr als 50 Millionen Menschen das Internet. Was den Wiesbadener Mädchen widerfuhr, war nur einer von 17.951 bekannt gewordenen Fällen von Cyberkriminalität in Hessen im Jahr 2011.

Lösegelderpressung online

Die Kriminalkommissarin nennt noch mehr Zahlen: „Täglich gibt es 73.000 neue Schädlinge, also fast jede Sekunde einen neuen.“ Dennoch nehmen viele Benutzer das Thema Sicherheit noch immer auf die leichte Schulter und schützen ihre Geräte nicht ausreichend gegen Viren und Schadprogramme. „30 Prozent der Rechner in Deutschland sind infiziert“, sagt Petra Kain; weltweit liege Deutschland damit auf Rang vier hinter Thailand, China und Taiwan.

Selbst seriöse Webseiten können ohne Wissen der Betreiber verseucht sein und die Geräte der Surfer ohne deren Zutun anstecken. Das bloße Aufrufen der befallenen Webseite genügt für eine so genannte Drive-by-Infektion. Nach Angaben des Bundesamts für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) werden täglich 20.000 Websites infiziert. „Mitte Mai war zum Beispiel die Online-Wettervorhersage wetter.com betroffen“, berichtet Petra Kain.

Schadprogramme werden von Cyberkriminellen auch für Lösegelderpressungen eingesetzt. Erst kürzlich wandte sich ein Vater zweier halbwüchsiger Kinder an Petra Kain. Auf dem Bildschirm seines Rechners erschien nur noch eine Seite, angeblich vom Bundeskriminalamt (BKA). Sein Rechner sei für illegale Down-loads oder Kinderpornographie im Internet eingesetzt worden. Gegen die Zahlung von 100 Euro werde er wieder freigegeben – ein klassischer Fall von Erpressung durch „Ransomware“, wie solche Programme bezeichnet werden.

Außer auf ausreichenden technischen Schutz kommt es aber auch auf den Benutzer selbst an: „Man sollte nicht auf Facebook unter seinem richtigen Namen verkünden, dass man jetzt zwei Wochen nach Mallorca fährt“, warnt die Kriminalkommissarin. Zwar gehört Wiesbaden laut Polizeistatistik mit 24.469 Straftaten im Jahr 2011 immer noch zu den sichersten deutschen Großstädten, doch verzeichnete sie 635 Wohnungseinbruchsdiebstähle gegenüber 592 im Jahr zuvor. Die meisten geschehen am Tag.

„Wir bieten eine kostenfreie und neutrale Sicherheitsberatung an und kommen dafür auch nach Hause“, erläutert der zuständige Polizeioberkommissar Frank Anders gerade einer Wiesbadenerin. Die 70-Jährige möchte in eine neue Wohnung im Erdgeschoss ziehen und diese besser schützen. Wie sinnvoll Vorbeugung ist, zeigt die auf 40 Prozent gestiegene Quote versuchter, aber gescheiterter Wohnungseinbrüche. Oft lasse sich schon mit einfachen Mitteln und etwas Disziplin viel bewirken, resümiert Petra Kain. Sowohl im Internet als auch in der realen Welt.

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