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Die Umweltspur bleibt Radfahrenden und Bussen vorbehalten.

Wiesbaden

Lücken im Radwegenetz

  • vonDiana Unkart
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Immer mehr Menschen steigen in Wiesbaden um aufs Rad. Doch die Neuaufteilung des Verkehrsraums in der Stadt und die Einrichtung einer Umweltspur sorgt für Diskussionen.

Die Umweltspur auf dem ersten Ring durch die Innenstadt gehört zu den in Wiesbaden umstrittenen Verkehrsprojekten. Der breite Radweg, den auch Busse mitbenutzen dürfen, wird wahlweise als Affront gegen den motorisierten Verkehr oder als längst fälliger Schritt in Richtung Gleichberechtigung der Verkehrsteilnehmer gesehen.

Die Querelen um die Umweltspur oder das am Sonntag im Bürgerentscheid gescheiterte Straßenbahnprojekt Citybahn zeigen, dass sich der Verkehrsraum nach jahrzehntelanger Fokussierung auf das Auto nicht widerstandslos neu ordnen lässt. Sie zeigen aber auch, dass sich das Verhältnis zum Auto ändert – langsam zwar, aber die Gruppe derer, denen das Blech nicht mehr heilig ist, wächst.

Günni Kerber vom Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club (ADFC) Wiesbaden sagt: „Viele Wiesbadener wollen Rad fahren – es muss ihnen allerdings leichtgemacht werden.“ Die Umweltspur, noch Flickenteppich, weil nicht durchgehend befahrbar, werde gut angenommen. Überhaupt sei das Fahrrad nicht mehr nur Freizeit- oder Sportgerät, sondern Alltagsverkehrsmittel geworden, das querbeet in allen Altersgruppen genutzt werde, zunehmend auch von Pendlerinnen und Pendlern.

Die Stadt hat nach eigenen Angaben die Ausgaben für den Radverkehr innerhalb kurzer Zeit verzehnfacht. Bis 2017 seien jährlich 300 000 Euro ausgegeben worden, 2018 dann zwei Millionen Euro. Im Haushalt 2020 sind Investitionen in den Radverkehr von 2,9 Millionen Euro vorgesehen.

Deutlich mehr Menschen radelnd unterwegs

Dass auf Wiesbadens Straßen deutlich mehr Menschen radelnd unterwegs seien, hänge mit der verbesserten Radinfrastruktur zusammen – und mit Corona. Leere Straßen im Frühling und die Sorge, sich in Bussen mit dem Virus zu infizieren, hätten mehr Menschen aufs Rad umsteigen lassen. Diese träfen nun auf ein zwar in Teilen ausgebautes, längst aber noch nicht geschlossenes, komfortables und sicheres Radwegenetz, sagt Günni Kerber. Für Ungeübte und Kinder sei es wenig einladend. Wiesbaden habe noch immer enormen Nachholbedarf.

Dabei sei das Fahrrad das effizienteste Verkehrsmittel in der Innenstadt. Doch noch immer würden in Wiesbaden rund die Hälfte aller Wegstrecken mit dem Auto zurückgelegt, obwohl viele dieser Wege kürzer als fünf Kilometer seien. Damit das Rad als Verkehrsmittel attraktiver wird, müssten aus Sicht des ADFC ausreichend Abstellmöglichkeiten zum Beispiel vor Schulen, in der Stadt oder bei Unternehmen geschaffen werden. Zudem würden Verbindungen aus den Stadtteilen in die Innenstadt und zwischen den Stadtteilen benötigt. Für ein geschlossenes Netz fehle aber die politische Rückendeckung. Jede Planung, bei der für einen Radweg auch nur ein Autostellplatz wegfallen solle, werde in den Gremien, vor allem in den Ortsbeiräten, heftig diskutiert. Mit attraktiven Bedingungen sei es möglich, den Radverkehrsanteil auf 20 Prozent zu erhöhen, ist der ADFC überzeugt. Die Stadt avisiert eine Steigerung von knapp sechs auf zehn Prozent.

Noch bis 30. November können Radfahrende ihre Stadt beim Fahrradklima-Test bewerten. Der ADFC Wiesbaden erwartet nach dem Nein der Bürger:innen zur Citybahn von der Stadt ein überarbeitetes Radverkehrskonzept mit konkreten Vorgaben für die kommenden Jahre. Der Verein erstellt derzeit seine Vision eines Fahrradnetzes für Wiesbaden.

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