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Eines eint die meisten Wiesbadener Direktkandidat:innen: Sie sind jung.
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Eines eint die meisten Wiesbadener Direktkandidat:innen: Sie sind jung.

Wiesbaden

In Wiesbaden drängen die Jungen in die Politik

  • Madeleine Reckmann
    VonMadeleine Reckmann
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Die Direktkandidatinnen und -kandidaten der meisten Parteien sind 30 und 40 Jahre alt. Was die Alten versäumt haben, möchten sie jetzt nachholen.

Sie haben Auslandserfahrung, sind im Umgang mit sozialen Medien versiert und vegan ist für sie ein Ernährungsstil und kein Reptil. Die Generation der 40-Jährigen und jünger unterscheidet sich von der, deren Jugend vom Kalten Krieg und 1968 bestimmt war. Zur Bundestagswahl treten für den Wahlkreis 179 viele dieser jungen Menschen als Direktkandidaten und Direktkandidatinnen an. Von denen der fünf großen demokratischen Parteien ist Nadine Ruf (SPD) mit 43 Jahren die Älteste. Nur zwei Monate jünger ist der Christdemokrat Ingmar Jung (43). Mit einem Abstand von etwa zehn Jahren folgen der Linken-Politiker Daniel Winter (34), die Grünen-Kandidatin Uta Brehm (33) und der Freidemokrat Lucas Schwalbach (29). Was sagt das über einen Politikwechsel aus? Und steht ein Generationenkonflikt an?

Ausgerechnet der Kandidat der historisch jüngsten Partei, Volt, die erstmals bei einer Bundestagswahl antritt, fällt aus dem Muster. Dabei ist das Durchschnittsalter der Volt-Kandidatt:innen in Deutschland niedrig. Nach Angaben der Partei liegt es bei 34,6 Jahren, das Durchschnittsalter der Mitglieder bei 33,4 Jahren. Samater Liban aber zählt 49 Lenze. „Progressive Politik ist keine Altersfrage – das steht auf einem unserer Plakate“, erzählt der IT-Berater einer Versicherung der FR. Seine Partei trete an, weil der notwendige Wandel in der Klima- und Schulpolitik, bei der Altenvorsorge und der Digitalisierung jahrzehntelang verschlafen worden sei. Für viele Menschen sei der Schmerzpunkt erreicht. Ob jung oder alt, vor allem neu und frisch müssten Kandidat:innen und ihre Ideen sein, „unangetastet von den Systemen“.

In einigen Parteien ist ein jugendlicher Aufbruch spürbar. Für die SPD stellen sich so viele junge Frauen und Männer zur Wahl wie nie zuvor, sagt eine Sprecherin der Bundespartei auf Anfrage. Von den 299 SPD-Direktkandidat:innen seien am Wahltag 109 unter 40 Jahren, mehr als ein Drittel. 34 werden sogar jünger als 30 Jahre alt sein. Damit habe sich die Zahl an Unter-30-Jährigen im Vergleich zur vorigen Bundestagswahl verdoppelt. „Diese Werte sind historisch.“

Bei den Grünen sind die Direktkandidat:innen noch jünger: 125 sind unter 40 und 57 unter 30 Jahre alt, teilt die Bundespartei mit. Getoppt werden sie von den Linken-Direktkandidat:innen, 132 sind 40 Jahre oder jünger, 57 sind 30 Jahre oder jünger. CDU und FDP gaben auf Anfrage keine Auskunft über ihre Alterstruktur.

Von einem Generationenkonflikt möchte dennoch niemand sprechen. „Ich warne davor zu glauben, dass Jugend die progressivere Politik macht“, sagt Nadine Ruf, die internationale Betriebswirtschaft studiert hat und – typisch für die Generation – während der Schulzeit ein Jahr in den USA war, in Japan studierte und Praktika in England machte. Es gebe alte Menschen mit modernen und junge Menschen mit konservativen Ansichten. Aber sehr wohl hätten die Jüngeren etwa durch die Fridays-for-Future-Bewegung die Klimapolitik ins Bewusstsein gerückt. Aber auch Ältere seien dabei, sagt Ruf. Für sie sei es wichtiger, dass im Bundestag Abgeordnete mit einem breiten Spektrum an Alter, Beruf und Herkunft vertreten seien.

„Ein Generationenkonflikt bringt uns nicht weiter“, sagt auch Uta Brehm, „wir bauen ja auch auf dem Erreichten der Babyboomer auf.“ Dennoch stellt die Sozialwissenschaftlerin, die ein Jahr in Australien und ein halbes Jahr in Island lebte, fest, die Jüngeren spürten, dass sie sich selbst vertreten müssten und sich nicht auf andere verlassen könnten. Insofern sei durchaus ein Generationenwechsel zu erkennen. Eine immer größer werdende Gruppe dränge auf Nachhaltigkeit gegen die „Beharrungskräfte der Älteren“. Die jetzige Wahl bestimme die Zukunftschancen folgender Generationen: in der Rentenfrage, dem gesellschaftlichen Zusammenhalt, der Klimapolitik.

Der Bundestagsabgeordnete Ingmar Jung erkennt sehr wohl Unterschiede unter den Generationen in seiner Partei, zumindest in der Tendenz. Die Älteren in der CDU hätten gegenüber den Grünen einen „anderen Verhandlungsstil“, während die Jüngeren keine Berührungsängste und mehr Kompromissbereitschaft zeigten, berichtet er. Derweil die Älteren versuchten, den „Wandel zu verlangsamen“, bewegten die jüngeren Christdemokraten etwa beim Klimaschutz mehr und belebten die Diskussion. Er stehe für nachhaltige Politik in Wirtschaft und Gesellschaft, sagt der Jurist. Nach der Corona-Krise sei der Restart der Wirtschaft das dringlichste Problem, Klimaschutz müsse parallel dazu laufen.

Für den Linken Daniel Winter, einen Kriminalbeamten, hat dagegen der Klimaschutz kombiniert mit sozialer Verteilungspolitik oberste Priorität. „Das muss jetzt gelingen“, sagt er. Dass jetzt so viele junge Menschen in die Politik drängten, hänge auch damit zusammen, dass die Älteren das Problem über Jahrzehnte verschleppt hätten, sagt er.

Der Jüngste in der Gruppe, Lucas Schwalbach, ein Jurist, glaubt auch, dass die neue Regierung Aufgaben lösen müsse, die über Jahre vernachlässigt worden seien und die nun über die Entwicklung der nächsten 15 Jahre entschieden: demografischer Wandel, Auslandspolitik im globalen Kontext, Bildungspolitik, Digitalisierung und Klima.

Wie die neue Regierung sich diesen Aufgaben widmet, wird die Bundestagswahl am 26. September entscheiden. Einig sind sich alle Befragten, dass das ähnliche Alter und der vergleichbare Erfahrungshorizont den Umgang miteinander erleichtere.

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