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Autor und Mathelehrer Bernhard Neff stöbert während der Ferien in alten Mathematikbüchern.

Wiesbaden

Ideologie im Mathebuch

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Bernhard Neff hat Textaufgaben aus über hundert Jahren gesammelt.

Manchmal legt Bernhard Neff eine der Mathematikaufgaben aus seinem Buch seinen Schülern vor. In den ersten drei Minuten erreicht der Lehrer am Hessenkolleg und am Abendgymnasium in Wiesbaden damit die volle Aufmerksamkeit - auch der Schüler, die sich sonst nicht für Mathe interessieren, sondern eher für Geschichte und Politik. „Nicht ohne den Text zu problematisieren“, ergänzt Neff, denn kommentarlos könne man die Aufgaben heute nicht mehr von den Schülern lösen lassen. Viele Aufgaben transportieren eine menschenfeindliche, militärische oder rassistische Ideologie.

Mit seinem Buch „Legen 5 Soldaten in 2 Stunden 300 Quadratmeter Stolperdraht …“ hat Neff einen Nerv getroffen. Die Sammlung von 100 Textaufgaben von 1890 bis heute begeistert. Zwei Life-Interviews im Hörfunk habe er bereits gehabt, mit diesem Interesse an dem Bändchen nie gerechnet. „Ich wollte ein Unterhaltungsbüchlein mit Nachdenkgarantie machen, mit dem Ziel, zu lachen über den Irrsinn“, sagt er. Denn natürlich sei es Irrsinn, wenn Schüler ausrechnen müssten, mit welcher Geschwindigkeit Armeen aufeinander zumarschieren oder die Überlegenheit ihrer politischen Systeme an der Höhe der Berge ausmachen.

Der 50-Jährige ist Mathematik- und Geschichtslehrer. Eigentlich sei er an der „historischen Krankheit erkrankt“, erzählt er, und mit Leib und Seele Historiker. Das Fach Mathematik nahm er im Studium an der Technischen Universität Darmstadt dazu, weil es ihm in der Schule am meisten Spaß machte. Er ist gerne Lehrer. Es wird wohl der doppelte Zugang zum Leben sein - der logisch-mathematische und der, akribisch Belege aus dem Leben zu sammeln, der ihn für das Büchlein prädestiniert. Auf die Idee dazu kam er mit einer Rechenaufgabe von 1991, die die Schüler aufforderte, das Bevölkerungswachstum im „afrikanischen Staat Kuweit“ zu ermitteln. „So wurde ich Jäger und Sammler von irrsinnigen Aufgaben“, schreibt Neff in seinem Vorwort.

Bernhard NeffLegen 5 Soldaten in 2 Stunden 300 Quadratmeter Stolperdraht. Riva Verlag, ISBN 978-3-7423-1072-9München 2019

Zehn Jahre durchforstete er während der Sommerferien Antiquariate, Schularchive und Bibliotheken nach alten Schulbüchern für Mathematik. Etwa je 30 aus dem Nationalsozialismus und aus der DDR hat er für wenig Geld gekauft. Um die 250 Bücher hat er durchgearbeitet. Die historische Forschung, sagt Neff, habe um die Mathebücher bislang einen Bogen gemacht. Dabei seien sie nicht mathematisch neutral, sondern strotzten nur so von Ideologie oder Propaganda und dem jeweiligen Zeitgeist. Neff kommentiert die Texte in seinem Buch ironisch oder sarkastisch, zieht sie ins Lächerliche. Wichtig ist ihm, dass bei aller Realsatire der DDR-Textaufgaben er sich nicht über die Menschen lustig macht, sondern nur über das Regime.

„Es ist überraschend, wie viel Militär in den Aufgaben der DDR vorkommt, fast so viel wie im Nationalsozialismus“, sagt er. In beiden Systemen würden konkrete Waffengattungen genannt, typischerweise mussten Parabeln der ballistischen Geschosse ausgerechnet werden. Aus heutiger Sicht amüsant ist auch, dass das DDR-Regime keine Gelegenheit auslässt, um seine angebliche Überlegenheit zu demonstrieren.

Während das Material für die Volksschulen und Mittelschulen in der NS-Zeit menschenverachtende Aufgaben zum Thema Juden und Euthanasie enthält, fehle dieses in den Büchern für die Höheren Schulen. Gymnasiasten hätten in erster Linie im Vergleich zu heute anspruchsvolle Aufgaben mit militärischen Inhalten zu knobeln. „Ich glaube, dass man Lehrkräfte entlasten wollte. Die klugen Köpfe hätten das dumme Zeugs nicht einfach geschluckt, es wäre zu Diskussionen gekommen“, sagt Neff. Bis 1938 seien auch noch jüdische Schüler und Lehrer an den Gymnasien gewesen. Erst Ende der 1930er Jahre seien die Mathematikbücher stärker mit rassistischen Inhalten durchsetzt gewesen. Auf diese Aufgaben verzichtet Neff. „Das wäre nicht mehr lustig gewesen“, sagt er.

Auch in den Schulbüchern der alten Bundesrepublik stehen Texte, die heute als rassistisch gelten. „Das Wort ‚Neger‘ wird ohne Scham benutzt.“ Egal ob Wirtschaftswunder, Reisefreude oder die Gleichbehandlung der Geschlechter, die Textaufgaben der alten BRD spiegeln eine unbeschwerte Zeit. Inzwischen sei der Naturschutz und die Genderdebatte in die Mathebücher gelangt. Neff beklagt dennoch, dass viele Textaufgaben belehrend seien und einfach zu langweilig.

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