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Der Ideenverkäufer aus dem Westend

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Wolfgang Rücker verkauft technisches Wissen in die Welt.
Wolfgang Rücker verkauft technisches Wissen in die Welt. © Rolf Oeser

Autos, Flugzeuge, Maschinen: Wolfgang Rücker und seine 2400 Mitarbeiter der Ingenieurgesellschaft entwickeln vieles, was sich dreht und bewegt.

Von Mirjam Ulrich

Sie produzieren nichts. Oft simulieren sie sogar nur. Genau das ist die Kunst. Denn die Ideen und Berechnungen der Ingenieure von Rücker stecken überall drin: im Airbus, in chemischen Anlagen und Kraftwerken genauso wie in der Innenausstattung eines Fahrzeugs oder einer Karosserie. Das Unternehmen plant und entwickelt Autos, aber auch Flugzeuge, Anlagen, Maschinen, Schiffe und Schienenfahrzeuge.

Dabei komme der Simulation am Computer eine besondere Bedeutung zu, erläutert Konzernchef Wolfgang Rücker. Mögliche Probleme würden dadurch schon früh erkannt, das spare den Auftraggebern viel Geld. Heutzutage würden nur noch wenige Prototypen gebaut. So gebe es bereits Autos, die komplett am Computer entwickelt wurden.

Dass das Unternehmen oft fälschlicherweise als Zulieferer der Automobilindustrie bezeichnet wird, ärgert ihn. „Wir verkaufen nur die geistige Kapazität unserer Ingenieure“, stellt er klar. Damit brachte es der Unternehmer aus dem Wiesbadener Westend zu einem der weltweit führenden Technologie-Dienstleister.

Ein Mann aus dem Westend

Wolfgang Rücker kam 1945 in der hessischen Landeshauptstadt zur Welt. In der Goebenstraße wuchs er auf, besuchte die Blücherschule. Bei den Stadtwerken lernte er Technischer Zeichner, nachts fuhr der junge Mann Taxi, um seine Frau und Tochter zu ernähren. Nach dem Besuch einer Technikerschule arbeitete er zunächst als Konstrukteur. Er wollte aber selbst bestimmten, was er am Tag tue, sagt er. Abhängig zu arbeiten, mache viel weniger Spaß.

Mit 25 Jahren gründete er in Troisdorf bei Bonn ein Ingenieursbüro. „Als ich den ersten Ingenieur einstellte, wusste ich genau, der weiß mehr als ich.“ Rücker kümmerte sich um das Management. - als er seine erste Sekretärin einstellte, zählte die Firma schon 70 Mitarbeiter. Die ersten Aufträge erhielt die junge Firma von Klöckner Mannstedt und Dynamit Nobel, 1976 wurde Opel Kunde und Rücker zog zurück nach Wiesbaden. In Erbenheim sitzt die Zentrale des Konzerns, zu dem 35 Niederlassungen in 18 Ländern gehören.

Fleiß und Fortune

„Man muss schon fleißig sein, aber auch Fortune haben“, sagt der Macher über seinen Erfolg. Insgesamt beschäftigt Rücker rund 2400 Mitarbeiter, die meisten davon sind Ingenieure. Wenn es nach dem Chef ginge, wären es sogar noch mehr: Derzeit sucht der Konzern weltweit 300 Ingenieure für seine sechs deutschen und 19 ausländischen Tochtergesellschaften. Auch deshalb, weil er noch stärker im Anlagenbau tätig werden will.

„Wir umwerben Uni-Absolventen, nehmen aber auch ältere Bewerber und tun viel, um die Mitarbeiter zu halten“, sagt Rücker. Sein Unternehmen biete Gesundheitsprogramme an, ein Sportwissenschaftler kümmere sich um den Betriebssport und die Firma spendiere den Angestellten Mitgliedschaften im Fitness-Studio.

Außerdem gibt es ein Programm für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie – 40 Prozent der Führungskräfte sind Frauen, bei einem Frauenanteil von 20 Prozent. Er investiere in seine Beschäftigten, sagt Rücker: „Wir waren die ersten, die Computer-Aided Design einführten, jeder Arbeitsplatz kostete 70000 DM.“

Während der Kurzarbeit ließ die Firma die Angestellten höher qualifizieren. 200 Mitarbeiter waren zeitweise von Kurzarbeit betroffen, inzwischen sind es noch 25. Der Vorstand verzichtete in der Krise ebenfalls auf Gehalt – und zahlte im Juni dieses Jahres den Aktionären dennoch eine Dividende. An die Börse ging das Unternehmen vor zehn Jahren, die Aktiengesellschaft ist gründergeführt. „Ein angestellter Vorstand haut ab und bekommt noch eine Abfindung“, verdeutlicht der Vorstandsvorsitzende Rücker den Unterschied zu anderen Aktiengesellschaften. „Ich schneide mir selbst den Hals ab.“

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