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Der Schlachthof gehört zu den größten Kulturveranstaltern in der Rhein-Main-Region.
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Der Schlachthof gehört zu den größten Kulturveranstaltern in der Rhein-Main-Region.

Wiesbaden

„Ich will keinen Kulturkannibalismus“

Schlachthof-Geschäftsführer Gerd Schulz fordert, die Kulturförderung nach der Corona-Krise zu überdenken. Die Strukturen, sagt er, stammten aus dem vorigen Jahrhundert.

Herr Schulz, wie zuversichtlich blicken Sie in das Jahr 2021? Planen Sie schon Veranstaltungen im Schlachthof?

Das vergangene Jahr hat uns gelehrt: Plane nicht, dann hast du besser geplant. Im Ernst: Man bereitet sich vor, trifft Vereinbarungen, dann muss man so vieles wieder über den Haufen werfen. Es ist ein riesiger Verschiebebahnhof von Veranstaltungen. Selbst wenn wir öffnen dürfen, wissen wir nicht, wie sich das Publikum verhalten wird. Und wie geht man damit um, dass es Geimpfte und Ungeimpfte geben wird? Hat man dann zwei Schlangen am Eingang? Nichts ist gewiss. Aber ausverkaufte Shows mit johlenden Rock’n’Roll-Fans sehe ich dieses Jahr noch nicht.

Zur Person

Gerhard Schulz ist Geschäftsführer des Kulturzentrums Schlachthofs in Wiesbaden.

Das soziokulturelle Zentrum, entstanden 1994, wird als Kollektiv betrieben und ist eines der größten Konzert- und Kulturveranstalter in der Rhein Main Region.

Vor der Coronapandemie zählte der Schlachthof nach eigenen Angaben pro Jahr mehr als 280 000 Besucher.

Etwa 100 Mitarbeiter:innen sind im Schlachthof beschäftigt - derzeit meist in Kurzarbeit. diu

Sind die von der Politik versprochenen Überbrückungshilfen bei den Kulturschaffenden angekommen?

Nein, anfangs nicht. Vor allem die Soloselbstständigen und Freiberufler sind durchs Raster gefallen. Inzwischen ist nachgearbeitet worden. In der Corona-Krise ist deutlich geworden, dass die Politik nicht weiß, wie der Kulturbetrieb organisiert und strukturiert ist und wie er funktioniert. Wenn uns durch die Krise beispielsweise Licht- oder Tontechniker:innen verloren gehen, dann fehlt der Kultur ein starker Arm. Wir müssen uns überlegen, wie zukünftig ein Sicherungssystem für Soloselbstständige aufzubauen ist. Aus der Krise leitet sich ebenfalls der Auftrag ab, die Verteilung der Kultursubventionen grundsätzlich zu überprüfen.

Was läuft da falsch?

Bund, Länder und Kommunen subventionieren die sogenannte Hochkultur – die Staatstheater oder Staatsopern zum Beispiel – mit einem Großteil des Kulturetats. Ein deutlich geringerer Teil geht an den gesamten restlichen Kulturbetrieb. Das Ergebnis dieser aus dem vergangenen Jahrhundert stammenden Struktur ist eine Zweiklassenkultur. Wir müssen uns fragen, ob das noch angemessen ist. Egal welche Zahlen man vergleicht, ob die der Personalstärke, Veranstaltungs-Output oder die der Besucher:innen: Man wird feststellen, dass die Relationen nicht passen. Nichts rechtfertigt diese extrem unterschiedliche Subventionsverteilung.

Welche Auswirkungen hat diese Subventionspolitik auf eine Einrichtung wie den Schlachthof, der zur freien Kulturszene gehört?

Im Stillstand der Corona-Krise haben wir noch circa sechs Prozent unserer Einnahmen, das sind die öffentlichen Zuschüsse. Das Staatstheater im Vergleich hat circa 85 Prozent Einnahmen, ebenfalls öffentliche Zuschüsse. Diese Verhältnisse sind schon in normalen Zeiten schwierig. Der Druck, Geld über Tickets reinzuholen, ist dort am größten, wo die Subventionen am niedrigsten sind. Das hat Auswirkungen auf das Programm, die Produktionsbedingungen, die Nischenkultur, die Nachwuchsarbeit und auch auf die künstlerische Freiheit.

Sollte also dem einen Geld genommen und dem anderen gegeben werden?

Nein, ich möchte keinen Kulturkannibalismus.

Dann müsste der Etat insgesamt erhöht werden.

Der Gedanke, wir müssen Geld erwirtschaften, um uns Kultur leisten zu können, ist gefährlich. Er führt dazu, dass in guten Zeiten Kultur gefördert und in schlechten Geld für Kultur gestrichen wird. Wie würden wir ohne Kultur auskommen? Gesellschaftliche Konzepte wie das der Volkswirtschaft sind Teil der Kultur. Wenn Gesellschaften ein gewisses kulturelles Niveau erreicht haben, verändert Kultur die Gesellschaft. Ohne Kultur gäbe es weder Freiheit noch Demokratie. Wilde Geister treiben das gesellschaftliche Bewusstsein nach vorne und sind andererseits gefährdet: Denken Sie an Pussy Riot, an Charlie Hebdo oder die ,entartete Kunst‘ des Dritten Reiches. Alle Kulturbetriebe sollten so ausgestattet sein, dass sie ihren kulturellen Bildungsauftrag erfüllen und kulturellen Austausch ermöglichen können. Ob tatsächlich nur klassische Institutionen diesen Bildungsauftrag wahrnehmen, muss hinterfragt werden.

Kann ein Kulturentwicklungsplan, wie er von Kulturschaffenden und Stadt gemeinsam erarbeitet wurde, ein gleichberechtigtes Miteinander herstellen?

Der Kulturentwicklungsplan gibt genau solche Anregungen. Er enthält richtige Ansätze. Jetzt muss er praktisch umgesetzt werden. Die Diskussionen, die wir dazu in der Stadt geführt haben, brauchen wir auch auf Landes- und Bundesebene.

Interview: Diana Unkart

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