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Ist das glatt? Victor Dural versucht, eine gerade Fläche aus einem Sandstein zu schlagen.

Wiesbaden

Historische Fassaden erneuern

  • Madeleine Reckmann
    vonMadeleine Reckmann
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Der Steinmetz Holger Balz bildet jedes Jahr in Wiesbaden junge Menschen aus.

Konzentriert schlägt Victor Dural mit dem Hammer auf den Meißel. Im gelben Sandstein entstehen kleine Kerben, doch Dural soll eine gerade Fläche machen. Er ist nicht zufrieden. „Das ist nicht so einfach“, stöhnt der 19-Jährige mit den dunklen Locken und versucht es weiter.

Es ist der zweite Tag seiner Ausbildung zum Steinmetz. Dural spürt, dass sich an den Händen Schwielen bilden und die Unterarme schmerzen. „Das ist auszuhalten“, wiegelt der junge Mann ab. Schließlich möchte er die dreijährige Ausbildung im Steinmetzbetrieb Balz in Mainz-Kastel durchhalten. Er nimmt täglich eine über einstündige Anfahrt aus Oppenheim in Kauf, um das Handwerk in dem Betrieb im Wiesbadener Stadtteil zu lernen. Das Praktikum im Juni habe ihm gut gefallen. „Das Team ist familiär“, berichtet er. Die Entscheidung war gefallen.

Der Betrieb ist darauf spezialisiert, historische Fassaden denkmalgerecht zu restaurieren und Böden, Treppen und Arbeitsplatten für Küchen herzustellen. An der Fassade des Wiesbadener Rathauses und der Villa Clementine in der Wilhelmstraße haben die Fachleute von Balz schon gearbeitet und Ornamente und Verzierungen wieder hergestellt.

Dural möchte Künstler werden und Skulpturen formen. Deshalb steht für ihn fest, dass er innerhalb der Ausbildung den Schwerpunkt Steinbildhauer wählen wird, der weniger geometrisch als der Steinmetz und eher plastisch arbeitet. In der Werkstatthalle lagern frühere Gesellenstücke. „Brüstungsornamente aus rotem Mainsandstein, wie sie in Kirchen eingesetzt werden könnten“, erklärt Inhaber Holger Balz. Sie sehen aus wie riesige Blüten, eines mit drei runden, das andere mit vier spitzen Blättern. Vielleicht wird Dural einmal solche Stücke herstellen.

Auch Imo Krause hat die Ausbildung zum Steinmetz bei Balz in diesem August begonnen. Der 23-Jährige hat ein Bauingenieur- und ein Energieeffizienzstudium abgebrochen, weil er merkte, dass ein Schreibtischjob nicht zu ihm passt. „Ich möchte in die Praxis, Leistung spüren und etwas Bleibendes schaffen“, erklärt Krause, ein kräftiger Mann mit breiten Schultern, der aussieht, als könne er kräftig zupacken. Aus einem groben Stein etwas Dauerhaftes herstellen, das stellt er sich als ein lohnendes Ziel vor. Am liebsten hätte Krause in der Mainzer Dombauhütte angeheuert, aber dafür sei er zu spät dran gewesen.

„Das Handwerk ist bei den Jugendlichen nicht gerade populär“, erzählt er. Seine Freunde scheuten schmutzige Arbeit. Zudem sei die geringe Bezahlung auch ein Grund für das schlechte Image. Im ersten Lehrjahr verdient Krause 420 Euro netto, im zweiten werden es 630 und im dritten 710 Euro sein. „Im ersten Gesellenjahr gibt es 12,50 Euro in der Stunde, nach ein paar Jahren schon 18 bis 19 Euro und als Jungmeister 3600 Euro brutto“, wirft Balz ein. Der 54-Jährige betont, dass sein Handwerk sehr wohl Chancen biete, gut zu verdienen. „Das Handwerk hat eine goldene Zukunft“, ist sein Leitspruch. Mit seinen hochspezialisierten und zum Teil digitalen Maschinen sei der Steinmetzberuf auch modern.

Der Steinmetzmeister bildet jedes Jahr ein oder zwei junge Menschen aus. Die meisten seiner zwölf Mitarbeiter haben das Handwerk bei ihm gelernt. „Auf dem Markt gibt es keine Nachwuchskräfte“, erklärt er. Sogar sein Meister Claudio de Propris war mal Lehrling bei Holger Balz. In einigen Jahren soll er das Unternehmen übernehmen.

Wegen der Corona-Pandemie sei es in diesem Jahr schwer gewesen, für den Beruf zu werben, sagt Balz und erinnert daran, dass Informationstage in Schulen und Jobbörsen ausfielen. Glücklicherweise seien beide Auszubildenden über Initiativbewerbungen zu ihm gekommen.

Die Vertragsabschlüsse verzögern sich in diesem Jahr. Nach Informationen der Wiesbadener Handwerkskammer wurden coronabedingt in Wiesbaden, dem Rheingau und Mittelhessen bis Ende Juli 15 Prozent weniger Verträge abgeschlossen als 2019. 950 Lehrstellen im Handwerk seien noch frei. Auch die Industrie- und Handelskammer Wiesbaden (IHK) meldet 15 Prozent weniger Ausbildungsverträge als 2019 und noch 300 freie Plätze. Deshalb bieten Handwerkskammer und IHK an, Berufe und Unternehmen noch kennenzulernen.

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