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Hinter verschlossenen Türen

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Von: Arne Löffel

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Käuflicher Sex ist auch Ausdruck von Machtstrukturen.
Käuflicher Sex ist auch Ausdruck von Machtstrukturen. © www.foto-storch.de

Linke und Piraten machen im Wiesbadener Stadtparlament die Prostitution zum Thema. Käufliche Liebe gibt es in der Landeshauptstadt nur in so genannten Terminwohnungen. Das Ordnungsamt kontrolliert diese regelmäßig.

Linke und Piraten machen im Wiesbadener Stadtparlament die Prostitution zum Thema. Käufliche Liebe gibt es in der Landeshauptstadt nur in so genannten Terminwohnungen. Das Ordnungsamt kontrolliert diese regelmäßig.

Im Vergleich mit Frankfurt und Offenbach gibt sich die Landeshauptstadt gerne unschuldig – zumindest, wenn es um offen ausgeübte Prostitution geht: Während sich am Messekreisel in Frankfurt und im berühmten Bahnhofsviertel die Sexdienstleisterinnen ganz publikumswirksam und nur von den Ordnungsbehörden in der Illegalität geduldet die netzbestrumpften Beine in den Bauch stehen, gibt es käufliche Liebe in Wiesbaden längst nur noch hinter verschlossenen Türen. Nach Angaben der Polizeibeamten vom 5. Revier, zuständig für Biebrich, ist sogar der ehemalige Strich auf der Wiesbadener Landstraße seit Jahren schon völlig verwaist.

Trotzdem ist es in Wiesbaden dennoch nicht schwer, Sex zu kaufen. „Hier wird der Prostitution noch in den zwei bekannten Bordellen und rund 70 Terminwohnungen nachgegangen“, berichtet Markus Hoffmann, Pressesprecher beim Polizeipräsidium Westhessen. Eine Terminwohnung ist nach Angaben von Thomas Kroppen, persönlicher Referent des Ordnungsdezernenten Oliver Franz (CDU), eine Wohnung, in der Prostituierte in ihrem privaten Umfeld ihrer Tätigkeit nachgehen. Er berichtet, dass die Wohnungen über die Stadt verteilt zu finden sind – wenn man weiß, wo zu suchen ist.

Der Trend auf dem Markt der käuflichen Liebe geht eindeutig zur Wohnungsprostitution. Möglich gemacht hat das die Legalisierung des Gewerbes im Jahr 2002. Seitdem ist es nicht mehr strafbar, einer Prostituierten Räume, Kondome und Handtücher zur Verfügung zu stellen. Davor hätte man wegen Förderung der Prostitution belangt werden können. Außerdem brachte die Legalisierung auch mit sich, dass Prostituierte nicht mehr auf den zweifelhaften Schutz der Zuhälter angewiesen sind.

Forderung nach Bestrafung der Freier

Dieser Rechtsgrund ist für Manuela Schon von der Fraktion der Linken und Piraten im Stadtparlament aber der gänzlich falsche Ansatz. Wenn es nach der jungen Politikerin geht, die zu diesem Thema auch einen umfangreichen Argumentations-Blog betreibt, soll die Prostitution wieder verboten werden, weil sie menschenverachtend sei. Allerdings bevorzugt Schon das „nordische Modell“, bei dem nicht die Prostituierten, sondern nur die Freier hart bestraft werden.

„Wir beschäftigen uns als feministische Arbeitsgemeinschaft in der Linken schon länger mit Themen rund um Sexismus, sexuelle Gewalt und Machtstrukturen“, berichtet Schon. Da derzeit auch im Europäischen Parlament über die Einführung des nordischen Modells diskutiert werde, habe sie das Thema mit einer Sachstandsanfrage in den kommunalen Parlaments-Prozess eingebracht. „Der Hintergrund der Anfrage war auch, dass die offiziellen Angaben nicht mit unseren Recherchen korrespondieren“, sagt Schon. Nach der Bestandsaufnahme möchte die Politikerin schauen, welche konkrete Unterstützung den Prostituierten zuteil werden kann.

Und das sind einige: Insgesamt arbeiten laut Ehrenfried Bastian vom zuständigen Fachbereich beim Ordnungsamt rund 250 Prostituierte in Wiesbaden. „Die meisten von ihnen in den gut versteckten und augenscheinlich privaten Terminwohnungen“, so Bastian.

Das Ordnungsamt kontrolliere diese Wohnungen regelmäßig und überprüfe dabei vor allem, ob die dort arbeitenden Personen eine gültige Aufenthaltserlaubnis haben und ob nach außen hin die Bestimmungen des Jugendschutzes eingehalten werden. „Wir bekommen so gut wie nie Beschwerden über Terminwohnungen. Die häufigste Beschwerde ist, dass die Freier durchs Haus irren und an der falschen Tür klingeln“, berichtet der Ordnungsamtsmitarbeiter.

Wenn sich allerdings Hinweise auf Straftaten ergeben sollten, kommt die Polizei ins Spiel. „Auch wir kontrollieren Laufhäuser wie Terminwohnungen regelmäßig“, sagt Hoffmann. Denn im Kielwasser der Prostitution komme es auch im braven Wiesbaden immer wieder zu Straftaten. Das seien zum Beispiel Betrug, Beischlafdiebstahl und Raub.

Entspanntes Verhältnis zum Ordnungsamt

„Es ist aber schwierig, diese Straftaten im einzelnen dem Milieu zuzuordnen. Wir erfassen nicht gesondert, ob jemand, der beim Beischlaf bestohlen wurde, mit einer Prostituierten oder einer andern Person zusammen war“, erklärt Hoffmann. Gleiches gelte auch für schwerere Straftaten wie Menschenhandel. Auch hier gebe die Statistik keine Auskunft darüber, ob der Menschenhandel auf Prostitution zurückzuführen ist.

Manche Straftaten gedeihen aber nur im direkten Umfeld der Prostitution und können auch als solche erfasst werden. Zum Beispiel Zuhälterei. „Sollten sich hierfür Anzeichen finden lassen, werden die Ermittlungsbehörden sofort tätig“, sagt Hoffmann.

Laut Hartmut Ferse, Oberstaatsanwalt bei der Staatsanwaltschaft Wiesbaden, ist die Zuhälterei ein eher seltener, aber schwerwiegender Straftatbestand. „Ein Zuhälter bestimmt über die Art und Häufigkeit der sexuellen Handlungen der Prostituierten und beutet sie gewerbsmäßig aus“, so Ferse.

Weitere eindeutig dem Milieu zuzuordnende Straftaten sind nach wie vor die Förderung der Prostitution wie auch die Ausbeutung von Prostituierten. Laut Ferse sind diese Straftatbestände immer auch Teil der Zuhälterei, münden aber nicht zwingend in ein sklavenähnliches Verhältnis und würden daher weniger hart bestraft.

In Wiesbaden kommen nach Angaben des Polizeipräsidiums Westhessen diese Straftaten ohnehin sehr selten vor. Im Jahr 2012 bilanziert die Polizei nur vier Fälle von Zuhälterei und im Jahr 2011 sogar nur einen. „Alle Fälle wurden restlos aufgeklärt“, sagt Hoffmann.

Die Prostituierten selbst geben sich trotz aller Bemühungen gegenüber der Frankfurter Rundschau sehr zugeknöpft. Nur eine Frau, die in einer Terminwohnung in Wiesbaden beschäftigt ist und weder ihren Namen, noch den Namen des Etablissements in dieser Zeitung genannt wissen möchte, bestätigt am Telefon ein sachliches und entspanntes Verhältnis zum Ordnungsamt. „Wir haben da überhaupt keine Probleme. Im Gegenteil. Das läuft immer sehr freundlich und fair ab. Bei uns gibt es aber auch nie etwas zu beanstanden“, sagt sie.

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