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Das Innere der Schiersteiner Brücke.

Verkehr in Wiesbaden

Besuch im Inneren der Schiersteiner Brücke

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Die Schiersteiner Brücke ist das zweitgrößte Brückenbauwerk Deutschlands. Hessen Mobil, das Verkehrsmanagement des Landes, gibt einen Einblick in einen Teil der Rheinbrücke.

Über einen Pfeiler geht es ins Innere der Schiersteiner Brücke. Es ist der nördliche Teil des Zwillingsbauwerks, der im November 2017 fertiggestellt wurde. Es ist ein Gefühl wie im Bauch eines Wals; die Gräten sind aus Stahl, der Bauch aus Beton. Es ist dunkel, ein paar Leuchten spenden Licht, ein Gitterweg zeigt, wo es langgeht. Von der Fahrbahn darüber dröhnen die Autos, mal leiser, mal lauter. Verdauungsgeräusche?

„Man hat nur einmal im Leben das Glück, eine Rheinbrücke bauen zu dürfen“, sagt Harald Mank. Der 57-Jährige ist Baudezernent beim Straßen- und Verkehrsmanagement des Landes, Hessen Mobil, und für Westhessen und den Bau der Schiersteiner Brücke verantwortlich. Er habe schon Autobahnbrücken, Main- und Lahnbrücken gebaut, aber eine Rheinbrücke sei etwas Besonderes. Die Schiersteiner Brücke sei derzeit nach der Brücke bei Leverkusen das zweitgrößte Brückenbauwerk in Deutschland. Emotional sei er voll dabei, sagt Mank, und stolz, dass seine Vorgesetzten ihm so viel Vertrauen schenkten.

Schiersteiner Brücke: Hohlräume für Statik wichtig 

Der Ingenieur ist so begeistert von der Technik und der menschlichen Leistung, dass er unbedingt das Innere des Bauwerks zeigen möchte. Brücken dieser Größe sind hohl, sonst würden sie unter ihrem eigenen Gewicht zusammenbrechen. In den Hohlräumen liegen die Versorgungsleitungen und Abwasserrohre. Außerdem haben die Kontrolleure, die regelmäßig die Stabilität der Brücken inspizieren, über die Hohlräume Zugang zu den kritischen Punkten.

Rohre, Leitungen, Stahlträger sind noch nagelneu und blitzsauber. Es empfiehlt sich, vorsichtig die Füße zu heben und auf den Kopf aufzupassen. Stahlträger müssen überstiegen, niedrige Passagen überwunden, durch Luken muss hindurchgeschlüpft werden. Mal ist der Innenraum acht Meter hoch und viele Meter breit, und aufrechtes Gehen ist möglich. Dann wieder liegen die Stahlträger auf Kopfhöhe. Sie bilden Dreiecke, mal nur eines, mal mehrere. Der Bauch des Wals wird zur futuristischen Kathedrale.

Über den Sommer wurde die südliche Brücke über Pontons weitgehend abgetragen. Nur auf der Mainzer Seite steht noch ein Rest. Betonbrocken ragen an Stahldrähten daraus hervor. Gleichzeitig hat auf Wiesbadener Seite der Neubau schon begonnen, die Gründungsarbeiten für die Bohrpfähle laufen, zum Teil wurden schon Fundamente für einige der zwölf Brückenpfeilerpaare gesetzt.

Wie gigantisch die Bauarbeiten sind, verdeutlicht Mank mit Zahlen: Allein für einen Brückenpfeiler werden 160 Kubikmeter Beton verarbeitet. Die Fundamente liegen auf Pfählen, die 30 Meter tief ins Erdreich gejagt wurden. Nur für eine der beiden Zwillingsbrücken werden 18 000 Tonnen Stahl verbaut. Eine Million Arbeitsstunden sind insgesamt erforderlich. Zurzeit laufen Erd- und Abrissarbeiten parallel zu den Beton- und Stahlarbeiten. Die ersten in Plauen und Neumarkt gefertigten Stahlbauteile wurden schon angeliefert. 60 bis 100 Männer sind derzeit auf der Baustelle beschäftigt. Bis auch der südliche Teil fertig ist, wird es dauern, Hessen Mobil visiert das Jahr 2021 für die Inbetriebnahme der dann sechsspurigen Autobahnbrücke an.

Die Stahlträgerrohre in der Schiersteiner Brücke tragen das Knotenblech mit vier spitzen Fingern. Für Normalsterbliche mag das unwichtig sein, aber für Harald Mank ist es ein großer Fortschritt. Denn so soll es länger halten. „Wir haben hier einen neuen Rohranschluss kreiert, der inzwischen von anderen nachgeahmt wird“, sagt der Ingenieur stolz, „wir stehen an der Spitze der Entwicklung.“ Früher wurden die Rohre gerade abgeschnitten, was das Material eher ermüden ließ. Die neue Brücke aber soll 100 Jahre stehen bleiben.

Auf der Rettbergsaue führt eine Tür auf ein Gerüst ins Freie. Der Blick streift über den Rhein und auf die Taunushügel. Das Schiersteiner Industriegebiet liegt friedlich am Ufer. Vögel zwitschern. Über dem Balkon befindet sich die Brückenunterseite, Autos brettern darüber, es ist noch immer laut. Mank streichelt sanft die Schweißnähte der Stahlplatten über seinem Kopf. Er schwärmt: „Das haben alles Menschen gemacht, das ist doch eine wunderbare Leistung.“

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