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Hessen: Mehr psychologische Hilfen für Geflüchtete aus der Ukraine gefordert

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Von: Gregor Haschnik

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 Die Frankfurter Bahnhofsmission kümmert sich jetzt auch um ankommende Flüchtlinge aus der Ukraine, die vor dem russischen Angriff fliehen.
Die Frankfurter Bahnhofsmission kümmert sich jetzt auch um ankommende Flüchtlinge aus der Ukraine, die vor dem russischen Angriff fliehen. © Renate Hoyer

In Hessen kommen viele traumatisierte Menschen an. Fachleute, Flüchtlingsrat und Paritätischer Wohlfahrtsverband fordern mehr Hilfsangebote.

Viele konnten sich und ihre Kinder gerade noch rechtzeitig in Sicherheit bringen, haben in Kellern oder U-Bahnhöfen um ihr Leben gebangt, als ihre Städte bombardiert wurden. Sie haben unfassbare Gewalt und Zerstörung erlebt, zum Teil Verwandte und Freunde verloren. Das Leid des Krieges lässt sie nicht los, auch nicht in Deutschland.

In diesen Tagen und Wochen kommen zahlreiche traumatisierte Geflüchtete aus der Ukraine nach Hessen. Eine wichtige Anlaufstelle für sie sind die vier vom Land geförderten Psychosozialen Zentren in Kassel, Gießen, Frankfurt und Darmstadt, die mit der Erstaufnahmeeinrichtung des Landes (EAEH) und deren Standorten zusammenarbeiten. Christina Bogdanski vom Trägerverein Psychosoziales Zentrum für geflüchtete Menschen in Mittelhessen sagt: „Am Anfang sind die Geflüchteten vorrangig mit organisatorischen Fragen, zum Beispiel im Hinblick auf die Unterkunft, beschäftigt. Sie kommen noch nicht dazu, das Erlebte zu verarbeiten. Doch nach und nach steigen die psychologischen und sozialen Bedarfe.“ Um diesen nachkommen zu können, seien mehr Mittel nötig. „Wir haben eine zusätzliche große Gruppe zu versorgen und brauchen deshalb mehr Ressourcen.“

Es sei gut, dass sich jetzt so viele Ehrenamtliche engagierten, aber es brauche auch eine professionelle Betreuung, erklärt Bogdanski im Gespräch mit der Frankfurter Rundschau. Wichtig sei zum Beispiel, die Geflüchteten zu begleiten und ihnen „Strategien zu vermitteln, wie sie mit ihren Sorgen um ihre Angehörigen in der Ukraine umgehen können“.

Mit ihrem Appell steht die Psychotherapeutin nicht allein: Kolleg:innen äußern sich ähnlich, und in einer gemeinsamen Erklärung fordern der Paritätische Wohlfahrtsverband Hessen sowie der Hessische Flüchtlingsrat von der Landesregierung, die psychologischen Hilfen auszubauen. Die vier Zentren mit ihren wenigen Stellen seien „bei weitem nicht ausreichend ausgestattet“, kritisiert Lea Rosenberg, Referentin für Migration, Flucht und Asyl beim Paritätischen. Bereits die gravierenden Auswirkungen der Corona-Pandemie auf Geflüchtete in Unterkünften und die Machtübernahme der Taliban in Afghanistan hätten die Kapazitäten in den Anlaufstellen überstrapaziert.

Hilfe und Forschung

Viele der ukrainischen Geflüchteten leiden unter einer posttraumatischen Belastungsstörung. Diese äußert sich in Symptomen wie Schlaflosigkeit, Konzentrationsstörungen, Albträumen und Angst. Die Psychotherapie an der Frankfurter Goethe-Universität bietet nun Therapieplätze an und begleitet die Behandlung, die auf innovative Methoden zurückgreife, wissenschaftlich. Laut Universität sieht die Studie für jeden Teilnehmenden zehn Sitzungen von jeweils 100 Minuten Dauer – bei denen bei Bedarf übersetzt werde – innerhalb von zwölf Wochen vor. Eine Vergleichsgruppe erhalte die selbe Behandlung nach einer Wartezeit.

Es handelt sich um ein bereits laufendes Projekt zur psychologischen Unterstützung von Geflüchteten, das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert wird. An den Standorten in Münster, Marburg, München, Frankfurt wurden den Angaben zufolge bisher insgesamt 64 Patient:innen aufgenommen. gha

Geflüchtete haben nach dem Asylbewerberleistungsgesetz Anspruch auf medizinische Versorgung; für Menschen aus der Ukraine zeichnet sich ein erleichterter Zugang ab. Doch auch bei niedergelassenen Therapeut:innen sei es bekanntlich kaum möglich, schnell einen Termin zu bekommen, mahnt Timmo Scherenberg, Geschäftsführer des Flüchtlingsrates. Zeitnahe Hilfe sei aber dringend erforderlich, auch weil die Angst um die Nächsten in der Heimat die Geflüchteten extrem belaste. Sie bräuchten ein stabiles Umfeld und sollten nicht lange in großen Unterkünften bleiben.

Notwendig sei zudem ein Ausbau der Sozialberatung, etwa für Behördenangelegenheiten und Integrationsangebote. Yasmin Alinaghi, Geschäftsführerin des Paritätischen, bemängelt, dass Hessen anders als andere Bundesländer keine regionalen Migrations- und Flüchtlingsberatungsstellen fördere. Die von Wohlfahrtsverbänden und Kirchen sowie vom Bund finanzierten Einrichtungen seien wegen dieses „eklatanten Mangels“ schon vor dem Krieg an der Belastungsgrenze angelangt. Das Land müsse die unabhängigen professionellen Beratungsstrukturen stärken und flächendeckend erweitern, auch weil die Kommunen die Herausforderungen nicht allein meistern könnten.

Einige Landkreise und kreisfreie Städte sind dabei, mehr Hilfsangebote zu schaffen. Der Main-Kinzig-Kreis beispielsweise hat niedergelassene Ärzt:innen aufgerufen, sich zu melden, um Anfragen bedienen zu können. Für soziale Aspekte liefen Gespräche mit „Helferkreisen, Sozialverbänden und Kommunen“, wobei Ehrenamtliche von Hauptamtlichen unterstützt würden.

Der Wetteraukreis erklärt, Geflüchteten stünden etwa die psychiatrischen Kliniken in Friedberg und Büdingen zur Verfügung, in Unterkünften würden sie „sozialarbeiterisch“ betreut. Derzeit habe jedoch Vorrang, ihnen Obdach, Lebensmittelversorgung und erste medizinische Hilfe zu bieten. Traumabewältigung werde sicher nötig sein, habe aktuell aber nicht die höchste Priorität bei den Betroffenen.

Das Hessische Ministerium für Soziales und Integration verweist auf FR-Anfrage auf die von ihm geförderten Psychosozialen Zentren, die mit „niedrigschwelligen Beratungs- und Betreuungsangeboten“ Betroffene unterstützen, sie betreuen und weitere Hilfen koordinieren würden, mit jeweils mindestens vier Vollzeitstellen. Eine neue Richtlinie ermögliche eine „pauschalisierte Zusatzförderung pro betreutem Standort der Erstaufnahmeeinrichtung“. Darüber hinaus würden in Regionen mit besonderem Bedarf weitere psychosoziale Maßnahmen unterstützt. Noch ist allerdings unklar, wie viele Stellen dadurch geschaffen werden. Für die Sozialbetreuung in den Erstaufnahmen und Notunterkünften sorgten vom Land beauftragte Dienstleister oder eigenes Personal, so das Ministerium.

Die Landtagsabgeordnete Saadet Sönmez (Linke) verlangt von der Landesregierung mehr Hilfe und kritisiert die mangelnde Förderung regionaler Beratungsstellen. Gleichzeitig fordert sie, die Unterstützung für ukrainische Geflüchtete zum Maßstab für den Umgang mit allen Geflüchteten aus Kriegsgebieten zu machen. Es dürfe keine Schutzsuchenden erster und zweiter Klasse geben.

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