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Hessen: Mehr Hilfesuchende mit Cannabisproblem

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Die hessischen Anlaufstellen beobachten einen spürbaren Anstieg

Wegen welcher Suchtprobleme suchen Menschen in Hessen ambulante Hilfsangebote auf?

Alkoholkonsum ist mit 40 Prozent der Fälle nach wie vor der häufigste wesentliche Grund, geht aus der jüngsten Statistik der Hessischen Landesstelle für Suchtfragen (HLS) für 2020 hervor. Es folgen Cannabis mit 23 Prozent, Opioide mit 18 Prozent, Glücksspiel mit sechs Prozent, Stimulanzien wie Amphetamine mit fünf Prozent und Kokain mit vier Prozent. Insgesamt haben den Angaben zufolge 23 000 Leute im Jahr 2020 Rat bei den 97 hessischen Anlaufstellen gesucht, die sich an der Auswertung beteiligt haben.

Welche markanten Entwicklungen waren in den vergangenen Jahren zu beobachten?

Laut der Trendanalyse der HLS für die Jahre 2011 bis 2020 ist der Anteil der Cannabiskonsument:innen, die ambulante Hilfe gesucht haben, in diesem Zeitraum von 14 auf 24 Prozent gestiegen. Auch der relative Anteil der wegen Cannabis Hilfesuchenden, die neu aufgenommen wurden, ist gewachsen, von 20 auf 37 Prozent. HLS-Geschäftsführerin Susanne Schmitt spricht von einem „immensen Zuwachs“. Mit im Schnitt 25 Jahren sind sie die jüngste Gruppe in der hessischen Suchthilfeklientel. Der Anteil der Opioid-Klientel sank von 28 Prozent im Jahr 2011 auf 18 Prozent im Jahr 2020. Bei Alkohol liegt die Quote ziemlich konstant bei etwa 40 Prozent.

Welche Gründe könnte der Anstieg der Cannabis-Problematik haben?

Die möglichen Gründe sind vielschichtig und in der Forschung umstritten. Zuletzt wurden die Pandemie und damit einhergehende Entwicklungen wie Mangel an Freizeit- und Kontaktmöglichkeiten, aber auch ein gestiegener Leistungsdruck oder die Wiederentdeckung von Cannabis als Nutz- und Heilpflanze genannt.

Suchthilfe in Hessen

Die Hessische Landesstelle für Suchtfragen (HLS) wurde 1949 gegründet. Sie ist ein Zusammenschluss von Verbänden der Freien Wohlfahrtspflege und deren Mitgliedsorganisationen, die auf dem Gebiet der Prävention, Beratung, Therapie und Rehabilitation tätig sind. Die Finanzierung übernimmt vor allem das Land Hessen.

In ihre jährlichen Auswertungen fließen Daten von etwa 100 Anlaufstellen in Hessen ein, die sich zum Beispiel um Menschen, die von Glücksspiel- oder Alkoholsucht betroffen sind, kümmern. Die Basis einer Langzeit-Trendanalyse von 2011 bis 2020 bilden Daten von 75 Einrichtungen. gha

Weitere Infos auf: www.hls-online.org

Wie haben sich Suchtverhalten und Hilfsangebote während der Corona-Pandemie verändert?

Ob es sich bei bestimmten Auffälligkeiten – etwa der hohen Nachfrage nach Beratung – um einen Trend handele oder nicht und welchen Anteil die Pandemie daran habe, müssten die nächsten Monate und Jahre zeigen. Erkennbar sei jedoch beispielsweise eine verstärkte Problematik beim Konsum digitaler Medien; die Nutzungszeiten hätten in allen Altersgruppen stark zugenommen. Zu den Gründen zählten Homeoffice, Homeschooling, eingeschränkte Freizeitmöglichkeiten. Problematisch werde es, wenn etwa Onlinespiele das Interesse an sozialen Kontakten oder Hobbys deutlich minderten.

Inwiefern hat sich die Beratung verändert?

Bei ihren Hilfen setzen die Einrichtungen stärker auf Telefon und Video. Nachdem die Voraussetzungen geschaffen worden waren, seien die Angebote gut angenommen worden, sagt Schmitt, weshalb sie beibehalten werden sollen. Die Nachfrage habe in jüngster Zeit zugenommen, auch weil einige Zielgruppen besser erreicht worden seien. Auffällig: 1600 der Ratsuchenden im Jahr 2020 seien Verwandte von Menschen mit Suchtproblematik oder Leute aus dem sozialen Umfeld gewesen – so viele wie seit Jahren nicht mehr. Ein Grund: Sie sehen die Betroffenen etwa aufgrund von Homeoffice oder Kurzarbeit häufiger.

Was fordert die Suchthilfe von der Politik, auch im Hinblick auf eine mögliche Legalisierung von Cannabis?

Es sei gut, dass sich die Drogenpolitik ändere, nachdem die bisherige nicht die gewünschten Ergebnisse gebracht habe. Nun komme es darauf an, vor Entscheidungen intensiv die Expert:innen aus der Beratungspraxis zu hören, die über eine langjährige Erfahrung verfügten, sagt die HLS-Geschäftsführerin. Darüber hinaus bräuchten die Anlaufstellen eine gute und sichere Finanzierung, ohne sich Sorgen machen zu müssen. Um die digitalen Möglichkeiten während der Pandemie aufzubauen beziehungsweise auszuweiten, mussten viele Einrichtungen höhere Summen investieren. Suchthilfe, betont Schmitt, könne viele Folgekosten verhindern, die etwa durch Schulden oder Erwerbslosigkeit entstehen.

Zusammengestellt von

Gregor Haschnik

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