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Vor der Schlossplatzbühne in Wiesbaden wird getanzt.

Wiesbaden

Hemmungen und Hindernisse abbauen

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Das Schlossplatzfest wirbt für mehr Kontakt zwischen Menschen mit und ohne Behinderung. Drei Tage dauert die Feier.

Beim Soundcheck auf der großen Bühne vor dem Rathaus müssen die drei Mädchen immer wieder lachen. Vielleicht ist es Lampenfieber, immerhin warten samstagvormittags um elf schon etliche Zuschauer darauf, dass endlich das musikalische Programm des Schlossplatzfests beginnt. Im Weindorf vor der Marktkirche und an den Ständen mit Street Food haben sie sich mit Getränken und Speisen versorgt und sitzen plaudernd in der Sonne.

Drei Tage lang dauert das Schlossplatzfest, das „Sunrise – Interessenverband für Menschen mit Behinderung“ (IVfMB) mit organisatorischer und finanzieller Unterstützung von Sponsoren bereits zum sechsten Mal veranstaltet. „Wir wollen in guter Stimmung für das Thema Behinderung sensibilisieren“, sagt der Vereinsvorsitzende Maiko Büchl. Schließlich sei fast jeder Zehnte in Deutschland schwerbehindert. 

Blöde Sprüche wegen Gehbehinderung 

Der 40-jährige Wiesbadener arbeitete bis März 2001 als Referent und Teammanager im Vertrieb eines Versicherungskonzerns. Einen Tag vor seinem 23. Geburtstag erlitt er bei einem Autounfall ein schweres Schädel-Hirntrauma, überlebte nur knapp. „Weil ich hinke, musste ich mir auf der Straße schon blöde Sprüche anhören“, erzählt er: „So früh am Morgen schon betrunken.“

Behinderte werden oft unterfordert statt gefördert, fährt Büchl fort. Er wünscht sich mehr Engagement von Arbeitgebern und Staat, Menschen mit Behinderung einzustellen. Zudem hofft er, in Nordenstadt doch noch seine Idee für eine barrierefreie Wohnanlage mit Reha-Zentrum und Sporteinrichtung verwirklichen zu können. Denn auch im Alltag gebe es viele Hindernisse, wegen der historischen Bausubstanz Wiesbadens lasse sich Barrierefreiheit aber oft nur schwer oder gar nicht verwirklichen. 

„Man kann da nicht alles barrierefrei machen“, bestätigt der Architekt Stefan Büchel. Beruflich beschäftigt er sich viel mit dem Thema Barrierefreiheit. Das Fest besucht er, weil sein Sohn und dessen Freund auftreten.

Wegen der Musik und Unterhaltung sind auch Anneliese Fleck und Walter Ulrich zum Schlossplatz gekommen. Die Seniorin hat einen jungen Verwandten mit Behinderung. Walter Ulrich kennt hingegen keine, „das muss ich leider sagen.“ Viele Wiesbadener haben keine gemeinsamen Schnittmengen mit Menschen mit Behinderung, sagt Mirko Korder, der Manager der Rhine River Rhinos. Das Team spielt in der ersten Bundesliga Rollstuhlbasketball, der Verein bietet aber auch Breitensport mit Rollstuhl an.

Im April haben die River Rhinos zudem mit einer regionalen Krankenkasse das Schulprojekt „Move it“ gestartet, um sich beim Sport zu begegnen und Barrieren abzubauen. Auch auf dem Schlossplatzfest stellen die Rhine River Rhinos einen Basketballkorb auf, damit Besucher mitspielen können. „Man kann der Gesellschaft Inklusion nicht aufzwingen“, sagt der 37-Jährige. „Sondern man muss Möglichkeiten schaffen, die sympathisch und annehmbar sind.“ Wie etwa das Schlossplatzfest.

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