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Ein Heim für Tauben

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Im Inneren des Taubenschlags im alten Rathaus von Wiesbaden.
Im Inneren des Taubenschlags im alten Rathaus von Wiesbaden. © Rolf Oeser

Die Stadt sucht nach der Kündigung des Vogelschlags am Bahnhof nach Alternativen.

Von Fabian Siegel

Die Kirchgasse an einem typischen Samstagnachmittag: Die Sonne lacht, Menschen strömen durch die Fußgängerzone, Straßenmusikanten spielen ihre Lieder. Doch trotzdem fehlt irgendetwas, das man sonst aus Szenarien wie diesem kennt: Die Tauben sind ausgeflogen.

Sie findet man jetzt in großen Mengen am Bahnhof, wo sie laut Deutsche Bahn für reichlich Gestank und Verschmutzung sorgen. Das Unternehmen will deswegen den Taubenschlag dort zum Jahresende schließen – und stellt das Wiesbadener Projekt zur Eindämmung der Taubenpopulation damit vor Existenzprobleme.

„Die Kündigung kam aus heiterem Himmel“, sagt Ordnungsamtsleiter Winnrich Tischel. Der Taubenschlag am Bahnhof habe doch genau den erhofften Zweck erfüllt: die Tauben von den Straßen zu locken. Denn seit 2006 greift Wiesbaden im Umgang mit den Tauben auf das sogenannte „Augsburger Modell“ zurück: Im Stadtgebiet wurden mehrere Taubenschläge eingerichtet, in denen die Tiere von Betreuern gefüttert werden.

Um die Nachwuchsrate zu kontrollieren, werden die Eier entfernt – nur zweimal im Jahr dürfen die Tauben brüten. „So können wir die Zahl der Tauben auf maximal 3000 begrenzen“, sagt Ordnungsamtsleiter Tischel. Gleichzeitig habe die Pflege der Tiere den Vorteil, dass die Tiere aus der Innenstadt gehalten würden, ohne sie töten zu müssen. „Denn wenn die Tauben im Schlag alles finden, brauchen sie nicht mehr in der Stadt auf Nahrungssuche gehen“, erklärt Tischel.

Er sei verwundert, dass die Bahn sich plötzlich über den Dreck beschwere. Denn von den Bahnverantwortlichen vor Ort habe er bislang nur Positives gehört. Und auch im Bahnhof selbst gebe es weniger Tauben als vorher.

Insgesamt fehlten in der Stadt aber immer noch ausreichend Taubenschläge. Der Schlag am Luisenplatz hatte geschlossen werden müssen, das Quartier im Europaviertel sei noch im Werden, sagt Tischel. „Die Tauben sind zwar umgesiedelt worden, müssen aber erst noch in tierschutzgerechten Käfigen an ihre neue Umgebung gewöhnt werden.“ Erst dann könne der Taubenschlag geöffnet werden.

Vorerst blieben damit nur ein Taubenschlag im alten Rathaus und der am Bahnhof übrig. „Schon zwei Taubenschläge sind eigentlich viel zu wenig, wir bräuchten mindestens vier“, sagt Tischel. Deswegen versteht er auch nicht, warum die Bahn nun den Taubenschlag im Bahnhof zum Jahresende dicht machen will. „Denn dann machen sich die Vögel wieder in der Halle und auf den Bahnsteigen breit.“

Ganz im Gegenteil, teilt die Unternehmenszentrale nun mit. Durch den Taubenschlag sei die Verschmutzung sogar noch größer geworden als an einem normalen Bahnhof. „Die Einflugschneise liegt genau über dem neuen Dach“, sagte ein Sprecher. Auch am Sandstein seien teils irreparable Schäden entstanden. „Deswegen sind wir zu dem Schluss gekommen, dass der Versuch gescheitert ist.“

Kampflos geschlagen geben will sich Ordnungsamtsleiter Tischel aber nicht. Deswegen werde sich die Stadt noch einmal mit der Bahn zusammensetzen. Alternativen hat Tischel auch schon in der Hinterhand: Er hat einen Dachstuhl im Palasthotel ins Auge gefasst. Denkbar sei auch das Dernsche Gelände. Weiterlaufen solle das „Erfolgsmodell“ auf jeden Fall. „Wir sind davon überzeugt, dass dies der humanste Umgang mit Tauben ist“.

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