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Die Hausgemeinschaft

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In der Blücherstraße 17 wird oft gemeinsam gefeiert.
In der Blücherstraße 17 wird oft gemeinsam gefeiert. © Privat

In der Blücherstraße 17 leben mehr als 40 Menschen im Alter von 0 bis 83 Jahren als Genossen zusammen. Sie unternehmen viel miteinander. Aufgebaut ist die Hausgemeinschaft nach einem System aus Freiwilligkeit und Pflichten.

Von Bardo Faust

Durch das Wohnprojekt bin ich als alter Mensch wieder mitten im Leben angekommen.“ Waltraud Beppler fühlt sich pudelwohl in der Blücherstraße 17. Die 76-Jährige ist Mitglied in der Genossenschaft „Gemeinschaftlich Wohnen“, die seit 2007 im Westend angesiedelt ist. Eine Frau der ersten Stunde: „Ich habe mir früh schon überlegt, wie ich im Alter einmal leben möchte“, sagt die alleinstehende Dame. Ihre Kinder leben nicht in Wiesbaden: „Für mich ist das ideal hier.“

Das Wohnprojekt in der Blücherstraße kam ihr gerade recht. In der Planungsphase ist sie zu der Gruppe gestoßen, hat sich engagiert, wurde Genossin und zog zum Start in eine Zwei-Zimmer-Wohnung im mittleren der drei Häuser – barrierefrei und seniorengerecht.

Mehr als 40 Menschen leben in der Blücherstraße 17. Die Zahl variiert gerade ein wenig, denn vor einigen Wochen Nora zur Welt, die kleine Tochter von Judith Jeron. Jeron wohnt schon mehr als sieben Jahre in der Blücherstraße. „Die Jüngste ist meine Tochter schon nicht mehr“, sagt die junge Mutter. Nur wenige Tage vor dem Gespräch mit der FR bekam eine andere Familie im Haus ein kleines Baby. Für Waltraud Beppler ein Geschenk: „Ich finde das toll, dass ich das alles noch hautnah miterleben darf.“

In der Blücherstraße 17 ist die Geburt eines Babys ein Ereignis für das ganze Haus – und steht damit symbolhaft für das Miteinander dieser Gemeinschaft. „Wir unternehmen viel zusammen“, sagt Judith Jeron. Neben Festen gibt es beispielsweise wöchentliche Gemeinschaftsessen, zu denen jeder etwas mitbringt. Es gibt eine Dachterrasse, die vor allem im Sommer ein Treffpunkt ist, einen Gemeinschaftsraum mit Küche, einen Kinderraum, eine Waschküche, einen Fahrradraum, einen Nähraum. Überall ist Platz für einen Plausch, ein Gespräch, soziale Kontakte.

Aufgebaut ist die Hausgemeinschaft nach einem System aus Freiwilligkeit und Pflichten. Wer die Mülltonne rausbringt oder Putzdienst in den Gemeinschaftsräumen hat, ist zum Beispiel klar geregelt. Die Teilnahme an den Freitagsessen ist dagegen freiwillig. Dazu hat jeder Hausbewohner mindestens eine Patenschaft übernommen, ist Experte für ein Thema rund ums Haus. Was dazu alles gehört und was erledigt werden muss, entscheidet die Projektversammlung, in der alle 15 Tage besprochen wird, was anliegt. Die Geschäfte führt daneben ein siebenköpfiger Vorstand. Einmal im Jahr ist Generalversammlung.

Zwischen 0 und 83 Jahren sind die Menschen alt, die in dem Wohnprojekt wohnen. Darunter gibt es ältere Leute wie Waltraud Beppler, eine Wohngemeinschaft und Familien mit Jugendlichen oder eben mit kleinen Kindern, wie bei Judith Jeron oder Marieke Denaes. „Für uns junge Mütter ist das hier ein Paradies“, sagen Jeron und Denaes unisono. In der Spielecke im Hof können die Kinder schon einmal alleine spielen: „Wo hat man das schon in einer Stadtwohnung?“ Und in der Not sei immer schnell jemand zur Stelle: „Unsere Kinder kennt hier jeder“, sagt Jeron. Und umgekehrt.

Das sei praktisch, denn wenn es einmal an der Kinderbetreuung mangele, sei immer jemand zur Stelle. Und die älteren Bewohner wissen, dass sie nicht alleingelassen werden. „Hier kann ich wirklich sicher sein, dass ich nicht irgendwann mal tagelang unbemerkt in der Wohnung herumliege“, sagt Beppler.

Doch das Wohnprojekt igelt sich nicht ein, öffnet sich für die Nachbarschaft, stellt den Gemeinschaftsraum etwa einem Kurs „Deutsch für Ausländer“ des Flüchtlingsrates zur Verfügung. Zudem gibt es einmal im Monat ein Repair-Café. Ein Improvisationstheater, das aus der Hausgemeinschaft hervorgegangen ist, spielt einmal im Monat hier. Es gibt ein vermietetes Büro im Inneren des Anwesens.

Alles eitel Sonnenschein? „Nein. Bei uns gibt es auch Konflikte und es menschelt sehr“, sagt Jeron. „Aber wir reden über unsere Konflikte.“ Das sei das Besondere, „die Toleranz untereinander ist sehr groß“. Und dass dies funktioniert, sei auch daran ersichtlich, dass es in den zwölf Jahren, seit das Wohnprojekt Blücherstraße 17 besteht, kaum Fluktuation gab. Vielen geht es da offenbar wie Judith Jeron, die über ein Zimmer in der WG des Hauses in die Blücherstraße kam. Gebürtig aus München, kam die Hebamme nach dem Studium in Leipzig zur Ausbildung an die Horst-Schmidt-Kliniken: „Ich war sicher, dass ich nach der Ausbildung wieder hier weg will“, sagt sie. „Doch heute weiß ich, was ich hier an der Gemeinschaft habe, das könnte ich anderswo gar nicht neu aufbauen.“

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