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Die Frisöre müssen in Hessen einen Mundschatz tragen. Dennoch verbessert sich die Stimmung.

Wiesbaden

Mit blauem Auge aus der Krise

  • Madeleine Reckmann
    vonMadeleine Reckmann
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Die Handwerksbetriebe in Wiesbaden erholen sich von der Corona-Krise und blicken optimistisch in die Zukunft. Im März und April sah das noch anders aus.

Als im März und April die Friseurgeschäfte wegen der Corona-Pandemie schließen mussten, hatten die Inhaber große Sorge, in Insolvenz zu gehen. Seit Anfang Mai dürfen wieder Haare geschnitten und Locken gelegt werden. Die Verdienstausfälle aus der Zeit des Shutdown können die Frisöre wohl nicht aufholen. Aber die Mehrzahl der Geschäfte geht auch nicht pleite. Nach den Umfragen der Handwerkskammer Wiesbaden unter ihren Mitgliedern erholen sich die Betriebe deutlich und die Stimmung steigt.

„Das Handwerk kommt mit einem blauen Auge aus der Krise“, resümiert Kammerpräsident Stefan Füll die wichtigsten Punkte aus dem Konjunkturbericht für das zweite Quartal 2020. Anders als etwa in der Gastronomie rechne er nicht mit einer Pleitewelle im Handwerk. Zwar bleibe die Situation am Arbeitsmarkt kritisch, da die Pandemie noch nicht vorüber sei und Kurzarbeit und staatliche Förderprogramme nur begrenzt liefen. Zudem erleide die Hälfte der Betriebe Umsatzeinbußen. Aber die Krise sei längst nicht so schlimm ausgefallen wie nach dem ersten Quartal befürchtet.

Konjunktur

Zum Bezirk der Handwerkskammer gehören die Landkreise Gießen, Lahn-Dill, Limburg-Weilburg, Main-Kinzig, Vogelsbergkreis, Wetterau, Rheingau-Taunus und die Stadt Wiesbaden. 26 453 Betriebe sind dort gemeldet.

Für das zweite Quartal 2020 rechneten nach dem Konjunkturbericht

73,9 Prozent der Betriebe mit guten oder befriedigenden Ergebnissen. Das sind 16,1 Prozent weniger als im Vorjahr.

Gestiegene oder konstante Umsätze verzeichnen 54,3 Prozent der Betriebe, das ist ein Minus von 28,6 Prozent. 56 Prozent haben gestiegene oder konstante Auftragseingänge, das sind 27 Prozent weniger als 2019. mre

Der Geschäftsklimaindikator, der regelmäßig die Stimmung der Handwerksunternehmer abfragt, war damals auf Talfahrt gegangen; die Indexzähler hatten sich halbiert. Inzwischen steigt der Optimismus wieder. Der Index erreicht zwar noch nicht den Wert des Vorjahres, es fehlt aber auch nicht mehr viel. Das Handwerk befinde sich auf dem Weg zur Normalität, sagt Füll.

Auch die prognostizierte Entlassungswelle sei ausgeblieben. Drei von vier Betrieben erklären in der Umfrage, an den Fachkräften festhalten zu wollen, neun Prozent haben neue Beschäftigte eingestellt. 16 Prozent der Betriebe haben die Belegschaft verkleinert, im Vorjahr waren es 13 Prozent. Dennoch gehen doppelt so viele Betriebsinhaber von sinkenden Beschäftigtenzahlen im kommenden Quartal aus als im Vorjahr, insgesamt 14 Prozent.

Besonders rasant habe sich die Lage im Gesundheitshandwerk (Augenoptiker, Zahntechniker) verbessert, bei denen die Nachfrage im Frühjahr extrem eingebrochen sei, führt Füll aus. Deutlich aufgeholt hätten auch die Kraftfahrzeughandwerke und die personenbezogenen Dienstleister, zu denen neben Kosmetikern, Schneidern und Schuhmachern die Friseure gehören.

Allerdings bleibe die Entwicklung im Handwerk gespalten. Das Bau- und Ausbaugewerbe sei von der Krise weniger betroffen worden, dessen Auftragsbücher seien zurzeit voller als vor der Krise, wohl, weil die Rückstände nicht abgearbeitet werden konnten.

Der Konjunkturbericht zeigt aber auch, dass trotz des zurückgekehrten Optimismus kurzfristig nicht an das hohe Niveau der 2010er Boomjahre angeknüpft werden kann. Fast die Hälfte der Betriebe berichtet von nachlassenden Aufträgen im zweiten Quartal und nur 20 Prozent verzeichnen mehr Aufträge. Im Einkauf und Verkauf würden zudem die Preise sinken, Investitionen schon im zweiten Quartal in Folge zurückgefahren.

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