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Die Guten kommen ins Körbchen

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Von: Ute Fiedler

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Pilze sollen mit Bedacht geerntet werden. Auch das vermittelt Franz Heller.
Pilze sollen mit Bedacht geerntet werden. Auch das vermittelt Franz Heller. © Andreas Arnold

Pilzesammeln wird zum Volkssport. Doch Vorsicht: Das Hobby ist nicht ganz ungefährlich. Gut es deswegen, wenn man mit einem Experten unterwegs ist. Pilz-Führungen sind so beliebt wie nie zuvor.

Pilzesammeln wird zum Volkssport. Doch Vorsicht: Das Hobby ist nicht ganz ungefährlich. Gut es deswegen, wenn man mit einem Experten unterwegs ist. Pilz-Führungen sind so beliebt wie nie zuvor.

Der hübsche Knollenblätterpilz fliegt in hohem Bogen ins Gebüsch. „Tja, Aussehen ist eben nicht alles“, sagt Franz Heller und grinst. Der Pilzsachverständige der Stadt Wiesbaden ist an diesem Tag mit einer Gruppe Kindern unterwegs, die mit ihren Eltern den Wald am Dotzheimer Friedhof nach Pilzen durchforsten. Steinpilze stehen ganz oben auf der Wunschliste. Doch nur die wenigsten werden am Ende der Führung mit den schmackhaften Königen des Waldes nach Hause gehen. Obwohl es derzeit laut Heller in diesem Jahr wieder Unmengen davon gibt.

Seit 1983 bietet Heller diese Führungen an, die immer beliebter werden. Die für diesen Herbst vom Umweltladen terminierten waren innerhalb kürzester Zeit ausgebucht. Selbst die Plätze für einen zusätzlichen Termin waren im Handumdrehen vergeben. „Pilzesammeln ist zum Volkssport geworden“, sagt Heller, und ein weiterer ungenießbarer Pilz landet im Gebüsch.

Akribisch sortiert der 65-Jährige die Beute seiner Schützlinge aus: Die guten kommen ins Körbchen, die schlechten werden in den Wald befördert. Bei nur dem geringsten Zweifel wird der Pilz entsorgt, schließlich hat Heller eine hohe Verantwortung. „Pilzesammeln ist nun mal kein ganz ungefährliches Hobby.“

In diesem Jahr wurde der 65-Jährige, der bei der Giftnotrufzentrale Mainz als Pilzsachverständiger gemeldet ist, mehr als 20 Mal in Krankenhäuser gerufen, und bestimmte meist an den Putzresten, mit welchen Pilzen sich die Patienten vergiftet hatten. Allein in der vergangenen Woche war Heller dreimal im Krankenhaus. Ein Sammler hatte einen Knollenblätterpilz erwischt, ein anderer einen grünblättrigen Schwefelkopf. „In einem Fall waren keine Reste mehr da.“ Was aus den Patienten wurde, weiß Heller nicht. „Aus datenschutzrechtlichen Gründen wird mir das nicht mitgeteilt“, bedauert er. Schwere Vergiftungen können jedoch zum Tode führen. Etwa drei bis fünf Menschen sterben pro Jahr in Deutschland an Pilzvergiftungen, weiß Heller.

Aus diesem Grund finden im Wiesbadener Umweltladen in den Herbstmonaten regelmäßig Pilzsprechstunden statt. Dann können Sammler ihre Sammelstücke von Franz Heller bestimmen lassen. Heller ist von Gästen umringt, die ihm aufmerksam an den Lippen hängen und mitdiskutieren. Man kennt sich und tauscht sich aus, wo man wann besonders schmackhafte Pilze gefunden hat. „Das ist jetzt vielleicht ein Luxusproblem“, sagt eine Frau, die mit Mann und Tochter eine Krause Glucke angeschleppt hat und dafür von allen Seiten beneidet wird. „Aber von Steinpilzen hab ich im Augenblick die Nase voll. Es gibt viel zu viele.“ Und dann berichtet sie von Gruppen von Sammlern, die tütenweise Pilze mitgenommen haben, sogenannte Pilzräuber, die derzeit unterwegs sind – verbotenerweise. Denn wie viele Pilze Spaziergänger sammeln dürfen, ist gesetzlich geregelt.

In Hessen darf man bis zu ein Kilogramm für den persönlichen Bedarf mitnehmen, teilt das Hessische Umweltministerium mit. Bedrohte Arten ausgenommen. Wer mehr sammeln will braucht einen Gewerbeschein und eine Genehmigung der Unteren Naturschutzbehörde. Wer ohne Genehmigung kiloweise Pilze sammelt, muss mit empfindlichen Geldstrafen im Extremfall sogar bis zu 50 000 Euro rechnen.

Heller unterstützt die Regelung. „So wird kein Raubbau betrieben.“ Schließlich stünden Pilze auch auf der Speisekarte vieler Tiere, sagt er am Rande der Sprechstunde. Während der erzählt er auch, wie er zum Pilzesammeln gekommen ist: Nach einer Vergiftung durch einen Gallenröhrling. „Da dachte ich, mein letztes Stündlein hat geschlagen. Als ich wieder gesund war, habe ich mir überlegt, dass Pilze viel zu lecker sind, um sie nicht mehr zu sammeln. So fing ich an, mir Wissen anzueignen.“

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