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Gourmet-Menü aus dem Müll

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Von: Ute Fiedler

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Profiköche bewirten 3500 Gäste mit aussortierten Lebensmitteln / Aktion soll aufrütteln

Wenn Robin eine Flasche Weinbrand im Müll findet, dann freut er sich ganz besonders. „Das ist etwas, was man nicht alle Tage entdeckt.“ Der 23-Jährige ist Mülltaucher. Er fischt aus dem, was Supermärkte am Ende des Tages wegwerfen, Lebensmittel, die noch nicht verdorben sind. Aber die weggeworfen werden, weil entweder das Mindesthaltbarkeitsdatum abgelaufen ist oder der Artikel eine Macke hat. Da reicht schon eine braune Stelle an Obst und Gemüse, ein Riss in der Packung.

Meist zieht der 23-Jährige aus Mainz mit seiner Freundin Katharina und Daniel, einem Studenten aus einer benachbarten WG los. Meistens durchwühlen sie Container für die eigene WG, manchmal veranstalten sie auch hinterher einen Koch-Event und laden Gäste ein. Und manchmal werden sie sogar von Köchen beauftragt, für ein Menü containern zu gehen – so wie vergangene Woche. Da haben Michael Schieferstein, Ralph Schüller, Uwe Becker und Peter Becker die Mülltaucher losgeschickt.

Das Profikoch-Quartett will bekehren. Will aufrütteln und den Leuten zeigen: „Seht her, was für Lebensmittel weggeworfen werden. Produkte, aus denen ein leckeres Menü entstehen kann“, sagt Michael Schieferstein. Er, Schüller und Uwe Becker kommen aus Mainz. Nur Peter Becker, der Dozent ist am Campus Klarenthal und die Knöterich Manufaktur betreibt, kommt aus der Landeshauptstadt. Zusammengetan haben sich die vier, als Schüller rumfragte, wer denn bei der Premiere des Films „Taste the waste“ in Mainz mitkochen würde. Es sollten nur Lebensmittel verarbeitet werden, die aus dem Müll kommen. Ehrensache für die drei anderen, denen die Verschwendung seit Langem ein Dorn im Auge war.

An diesem Tag verarbeiteten sie aussortierte Lebensmittel zu leckeren Gerichten für 3500 Personen. Die Veranstaltung war ein solcher Erfolg, dass die vier beschlossen weiterzumachen.

Koch-Events folgten. Jetzt waren sie auch in Wiesbaden, im Treibhaus, und hatten zwar eine Menge Gäste eingeladen, vom Umweltamt, der Tafel und dem OB bis hin zum Einzelhandelsverband. Viele jedoch kamen nicht und konnten so auch nicht Feldsalat-Cappuccino, Kohlrabi-Aufstrich oder Milkyway Espuma probieren, die die Köche kreiert hatten – natürlich aus Lebensmitteln aus dem Müll, die die Mülltaucher gesucht hatten.

Doch diesmal war es für Robin und Co. gar nicht so einfach, viele Lebensmittel zu finden. „Viele Container waren abgeschlossen“, sagt er. Für Schieferstein liegt die Erklärung auf der Hand: „Als Verbraucherministerin Ilse Aigner ihre Studie rausgebracht hat, dass die meisten Lebensmittel in Privathaushalten verschwendet werden, haben wir etwas anderes veröffentlicht: Das meiste wird nach unseren wochenlangen Recherchen von Supermärkten entsorgt. Jetzt verschließen die eben ihre Container.“

Groß rausgekommen sind die vier mit dieser Studie. Schieferstein und Robin traten im SWR auf, Zeitungen fragten an. Weitere Projekte sind geplant. Man wird von den vier hören. Sicher auch in Wiesbaden.

Infos unter www.taste-mainz.de

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