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Ein Glasperlenspiel

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Alle Halsketten und Armbänder von Margit Sachse sind Einzelstücke. Duplikate anzufertigen, fände sie zu eintönig.
Alle Halsketten und Armbänder von Margit Sachse sind Einzelstücke. Duplikate anzufertigen, fände sie zu eintönig. © Michael Schick

Die Goldschmiedin Margit Sachse fertigt aparten Schmuck an. Sie arbeitete 40 Jahre lang als Grafikerin bevor sie zu ihrem Traumberuf zurückkehren konnte.

Von Mirjam Ulrich

Zwei vor, eins zurück. Zwei vor, eins zurück. Nur knapp zwei Millimeter messen die bronzefarbenen Perlen aus böhmischen Glas, die Margit Sachse zu einem Armband fädelt. Immer zwei Perlen auf einmal nimmt sie mit der Nadel auf und führt den hauchdünnen Nylonfaden durch eine Perle in der vorherigen Reihe, damit es hält. Zwei vor, eins zurück – keine Arbeit für Ungeduldige. „Viele sagen, das könnten sie nicht, aber mir liegt das“, sagt Margit Sachse und lächelt. „Ich werde eher kribbelig, wenn ich nicht kreativ bin.“

Vor ihr auf dem Tisch liegt ihr Werkzeug: Nadeln, Zangen, ein elektrischer Fadentrenner für die Angelschnur, ein Zählbrett für die komplizierten Muster und viele Röhrchen und Tütchen mit Perlen und kleinen Swarovski-Steinen. Schon als Mädchen wollte sie unbedingt mit den Händen arbeiten, erzählt Margit Sachse weiter. Sie träumte davon, die Glasfachschule in Taunusstein zu besuchen, nachdem sie darüber eine Sendung im Fernsehen gesehen hatte. An der Schule gab es aber kein Internat, und allein von Wiesbaden nach Taunusstein zu ziehen, erlaubte die Mutter dem damals knapp 16-jährigen Mädchen nicht. „Das war halt noch eine andere Zeit – 1962“, erinnert sich Margit Sachse. „Aber ich war stinksauer auf meine Mutter.“

Durch das Fernsehen entdeckte sie einen anderen Wunschberuf: Goldschmiedin. Ihre Eltern klapperten mit ihr die Wiesbadener Goldschmiede ab, doch wieder gab es ein Hindernis: „Viele lehnten mich ab, weil ich ein Mädchen und die Arbeit damals noch körperlich sehr anstrengend war.“ Nur der Juwelier Otto Schulz ließ sie in den Ferien zur Probe arbeiten. Begeistert von ihrem handwerklichen Geschick, gab er ihr die Lehrstelle.

Arbeit an mehreren Stücken parallel

Sie liebte ihren Beruf und sagt, sie würde ihn auch heute wieder ergreifen. Ihre Karriere nahm jedoch eine andere Wendung: 1969 stieg sie in den Betrieb ihres Vaters ein und übernahm in dem Unternehmen für Messebau und Werbung die Grafik. Ihr Mann Matthias, den sie mit 17 Jahren in der Tanzstunde kennengelernt hatte, arbeitete inzwischen auch dort. Das Paar heiratete 1967, bekam zwei Söhne und übernahm nach dem frühzeitigen Tod ihres Vaters 1977 die Firma.

40 Jahre lang arbeitete Margit Sachse als Grafikerin, erst 2006 begann sie wieder, Schmuck anzufertigen. Am liebsten arbeitet sie mit japanischen Glasperlen, weil sie so gleichmäßig sind. Ihre Werkstatt besteht nur aus einem Knietablett, mit dem sich die Goldschmiedin abends neben ihren Mann aufs Sofa setzt, um Ketten, Colliers oder Armbänder anzufertigen. Als sie noch bei „Philada“ – einem Laden für Kunsthandwerk und Geschenke – an der Luisenstraße mitarbeitete, kam sie auch tagsüber dazu, vier Stunden am Stück zu fädeln. In dem Geschäft verkaufte sie ihren Schmuck. Seitdem es im vergangenen Sommer schloss, bietet sie ihn wie bisher auf Kunsthandwerkermärkten an – oder trifft sich mit ihren Kundinnen direkt.

Alle ihre Ketten und Armbänder sind Unikate. Sonst wäre es ihr auch zu eintönig. Oft arbeitet sie an mehreren Stücken parallel. „Wenn ich ein Muster sehe, das mir gefällt, juckt es mich sofort in den Fingern.“ So häkelt sie derzeit auch noch eine Kette aus einer 2,70 Meter langen, bunten Perlenschnur, die sie zuvor aufgezogen hat. Gerade einmal einen guten Millimeter messen diese Perlen, noch feiner ist die Häkelnadel. Es wird einge Wochen dauern, bis dieses Collier fertig ist.

Für eine gefädelte Kette braucht sie drei bis vier Abende, abhängig vom Muster und der Perlengröße. Es stecke viel Herzblut in ihrer Arbeit, sagt Margit Sachse. Gerade das mache aber den Unterschied aus.

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