Duschen hilft nicht: Missbrauchsopfer fühlen sich beschmutzt.
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Duschen hilft nicht: Missbrauchsopfer fühlen sich beschmutzt.

Wiesbaden

Gewalt lässt sich nicht abwaschen

Die Beratungsstelle Wildwasser hilft Opfern sexuellen Missbrauchs. Melden kann man sich persönlich oder telefonisch.

Von Jana Kinne

Die Dusche rauscht, es scheint eine Ewigkeit zu dauern, doch es ändert sich nichts – Schmerz, Scham und Gewalt lassen sich nicht einfach wegspülen. Mit der rauschenden Dusche beginnt ein Kinospot, der 2011 von freien Kreativen für Wildwasser Wiesbaden gedreht wurde: „Wir wollen die Beratung von Wildwasser bekannter machen“, sagt Texter Jörg Lehmann. Denn immer noch gebe es viele, die nicht wissen wohin, wenn sexuelle Gewalt – egal in welcher Form – verübt wird.

348 Fälle von sexueller Gewalt wurden Wildwasser 2011 gemeldet. Das sind 22 weniger als im Vorjahr, doch aussagekräftig ist diese Zahl nicht: „Das sagt nichts darüber aus, wie viele Taten verübt wurden“, sagt Sozialpädagogin und Wildwasser-Beraterin Jaqueline Ruben. Wie der Weg nach einer Meldung weitergeht, ist unterschiedlich: Ein Großteil kommt zur persönlichen Beratung, aber auch die Hilfe am Telefon wird oft in Anspruch genommen. Im Jahr 2011 waren es meist Betroffene, die sich bei Wildwasser meldeten. Die große Mehrheit Mädchen und Frauen. „Männliche Betroffene wenden sich oft an andere Beratungsstellen, zum Beispiel Bizeps“, sagt Ruben. Das Täterprofil blieb gleich: 96 Prozent der Täter waren männlich, die meisten stammten aus dem nahen sozialen Umfeld.

Neben der Beratung stand die Prävention bei Wildwasser 2011 besonders im Fokus. „Gerade beim Thema Gewalt in Institutionen besteht weiterhin großer Bedarf“, erklärt Ruben. Nachdem das Thema durch die Missbrauchsfälle in katholischen Internaten und Schulen 2010 Schlagzeilen machte, hatte auch Wildwasser Wiesbaden alle Hände voll zu tun: Die Beratungsstelle konzeptionierte eine Fortbildungskampagne für Mitarbeiter hessischer Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe, organisierte Vorträge und Seminare.

Neu auf der Agenda stand dagegen der Missbrauch von Menschen mit Behinderung: „Das Thema ist bisher Niemandsland“, sagt Ruben. Es gebe keine Vernetzung und nur wenige Materialien. Der Bedarf ist jedoch groß: Laut einer Studie des Bundesfamilienministerium sind Mädchen und Frauen mit Behinderungen zwei bis drei Mal häufiger von sexueller Gewalt betroffen als andere. „Sie befinden sich in einer starken Abhängigkeitssituation und können nicht selbstbestimmt entscheiden“, erklärt Beraterin Anja Hössel. Zudem würden Menschen mit Behinderung Informationen zur Sexualität oft vorenthalten. „Die Frauen kennen ihre Grenzen nicht und können sich deshalb noch schwerer gegen Übergriffe wehren“, sagt Hössel. Mit Fortbildungen und Workshops greift Wildwasser das Thema nun auf.

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