OB-Wahl

Gerich will Rathauschef werden

SPD-Fraktionsvorsitzender kandidiert gegen Amtsinhaber Müller (CDU)

Von Gaby Buschlinger

Vermutet hatten es politische Beobachter schon lange, am Donnerstag wurde es Gewissheit: SPD-Fraktionschef Sven Gerich (37) wird für die SPD als Oberbürgermeister kandidieren. Die Wahl wird voraussichtlich im März 2013 sein.

„Wir sind zwar in der Koalition, aber wenn wir eine soziale Stadt wollen, dann muss die SPD den Oberbürgermeister stellen“, sagte SPD-Parteichef Dennis Volk-Borowski bei der Bekanntgabe der Personalentscheidung im Rathaus. Der 17-köpfige Unterbezirksvorstand habe sich einstimmig am Dienstagabend dem Vorschlag der Findungskommission angeschlossen.

„Wir haben einen Teamplayer gesucht, der ein gewinnendes Auftreten hat, zuhören kann und in der Stadt fest verankert ist“, sagte Volk-Borowski, der der Findungskommission angehört. Und jung sollte der Wunschkandidat sein, „kein Auslaufmodell wie CDU-Amtsinhaber Helmut Müller“, der im Mai 60 Jahre alt wird, und nur noch eine Amtsperiode den Posten bekleiden darf. Gerich erfülle sämtliche Anforderungen, sagte Volk-Borowski. Bürgermeister Arno Goßmann, der wegen seiner Beliebtheit in der Stadt ebenfalls als Kandidat gehandelt wurde, hatte abgelehnt: „Meine Strategie in den fünf Jahren als Parteivorsitzender war es, junge, frische Menschen in führende Positionen zu bringen.“ Deshalb hatte er auch kürzlich den Parteivorsitz abgegeben. Offiziell nominiert wird Gerich auf einem Parteitag am 30. Mai.

Lange überlegt hat Gerich über den Karrieresprung nicht: „Nach einer schlaflosen Nacht war klar, dass ich es mache.“ Sein Lebenspartner, mit dem Gerich verheiratet ist, stehe „voll hinter und zu der Entscheidung“. Sorge bereite ihm die Druckerei, die er zusammen mit seinem Adoptivvater führt: „Die Druckerei ist seit 130 Jahren in Familienbesitz, und wenn mein Vater in Rente geht, ist in der Familie kein Nachfolger in Sicht.“

In der SPD hat Gerich eine rasante Karriere hingelegt: Erst vor neun Jahren trat er der Partei bei, wurde ein Jahr später Vize-Vorsitzender des Biebricher Ortsvereins, schaffte es 2006 ins Parlament und sitzt der Fraktion seit einem halben Jahr vor. Jetzt wird er OB-Kandidat. „Das geht schon ganz schön schnell“, lächelt Gerich keck. Dass dem Jungspund die Altvorderen wie Ex-OB Achim Exner bei der Standortfrage der neuen Rhein-Main-Hallen sowie bei dem umstrittenen Teilverkauf der Horst-Schmidt-Kliniken an den Rhön-Konzern kräftig in die Suppe gespuckt und öffentlich in den Senkel gestellt haben, ficht Gerich nicht an. Mit Exner werde er bald sprechen, wenn dieser am Wochenende mal wieder seine karibische Wahlheimat verlässt. Außerdem sei es Exner gewesen, der ihn vor neun Jahren in die SPD gebracht habe: „Ich war bis dahin Stammtisch-Politiker und nannte alle Politiker Verbrecher.“ Daraufhin habe ihn Exner wutentbrannt aufgefordert, die Meckerei zu beenden und es besser zu machen.

Den Wunsch zur Machtübernahme an der Rathausspitze begründet Gerich mit mehreren Zielen: „Die Stadt muss menschlicher werden, die Menschen müssen sich wieder dem Gemeinwesen verpflichtet fühlen.“ Die Bürger „sollen sich hier wohlfühlen, gerne hier leben, sie sollen hier Arbeit finden und eine bezahlbare Wohnung“. Gerich nannte Müller einen „Technokraten, der jeden Kontostand und jede Eigenkapitalrendite sämtlicher Eigenbetriebe“ kenne. Zudem will Gerich die Wirtschaftsförderung und Ansiedlungspolitik zur Chefsache machen, „denn hier fehlt mir die Idee des großen Wurfs“.

Den Koalitionsfrieden sieht Gerich durch den Wahlkampf nicht gefährdet: „Als Fraktionsvorsitzender bin ich an den Koalitionsvertrag gebunden, und zudem mache ich nicht Wahlkampf gegen jemanden, sondern für meine Inhalte.“ Siehe Kommentar

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