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Gemalte Freiheit

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Hinter Glas, statt hinter Gittern: ein Werk eines Inhaftierten.
Hinter Glas, statt hinter Gittern: ein Werk eines Inhaftierten. © Michael Schick

Eine Ausstellung zeigt Werke junger Wiesbadener Häftlinge.

Von Marion Ziegler

Faserige Strukturen vor dunklem Hintergrund, ein weites Mohnblumenfeld, aztekisch anmutende Linien, von wilden Farbtupfern übersäte Flächen und Meeresansichten, die an den Romantiker Caspar David Friedrich erinnern – den Bildern im dritten Stock des schlichten Wiesbadener Verwaltungsgebäudes in der Konradinerallee ist ihr Entstehungsort nicht anzusehen. Sie zeigen weite Landschaften, sind verspielt und farbenfroh. Sie zeigen Freude und Freiheit – so gar nicht das, woran ein Gefängnis denken lässt. Dabei sind sie genau dort entstanden. Gemalt haben die 30 Bilder junge Häftlinge der Wiesbadener Justizvollzugsanstalt (JVA). Grüne Wiesen und blaue Himmel, auf die Leinwand gebracht in einem Raum mit gerade einmal einem schmalen Guckloch nach draußen.

Acht Jahre lang hat Anja Schönwetter mit den jungen Häftlingen gemalt, jeden Montag drei Stunden lang. Sie lehrte sie Farbenlehre und Bildkomposition, verlangte verschiedene Malstile und Motive ab, und weckte künstlerischen Ehrgeiz. Aber eigentlich, das weiß die pensionierte Kunstlehrerin, kamen die jungen Männer aus einem anderen Grund in den Werkraum.

„Die meisten haben es wertgeschätzt, dass da jemand war von außen, der sich ihrer Sorgen annimmt“, sagt Schönwetter. Egal ob die Freundin sich nicht mehr meldete oder die Mutter einen Besuch absagte – montags beim Malen konnten sie ihre Nöte loswerden. Schönwetter konnten die Häftlinge vertrauen. „Das Malen haben sie gerne nebenher betrieben.“

Am Anfang wurden die Kursteilnehmer belächelt

Zehn Jahre ist es her, dass Schönwetter ihre ersten sechs Maler in der JVA vor sich sitzen hatte. Als unmännlich und uncool wurde die Truppe belächelt, erinnert sie sich. Malerei und Kunst, das passte wohl nicht zur strengen Hierarchie im Knast. Doch als die Seniorin die Werke der etwa 20- bis 24-jährigen Künstler an die Wände der JVA hängte, stiegen sowohl das Ansehen der Malgruppe als auch die Länge der Warteliste. Mit gut 80 Häftlingen hat Schönwetter bis 2013 gemalt. Vor zwei Jahren gab sie das Ehrenamt auf. Nach dem Wechsel der JVA-Leitung habe sie immer das Gefühl gehabt, dass die Wertschätzung der ehrenamtlichen Arbeit dort fehlte. Inzwischen malt sie mit Frauen, die eine Krebserkrankung hinter sich haben.

Über das Leben im Knast und das Leben der Inhaftierten hat sie viel gelernt. Etwa, wie gut erzogen ihr „die Jungs“ gegenübertraten. Probleme mit der Disziplin habe sie eher als Lehrerin in der Hauptschule als in der Haftanstalt erlebt. Sie erklärt es sich mit Dankbarkeit – für die Tasse Kaffee zu Beginn des Malkurses und dafür, dass sich der Jungs jemand annimmt. Gelernt hat Schönwetter auch, dass Lob für viele ein Riesenproblem war.

Auf Komplimente für ein fertiges Werk reagierten die Teilnehmer des Malkurses anfangs mit roten Ohren, berichtet sie. „Das zeigt, dass sie völlig ohne Lob und Anerkennung großgeworden sind.“ Bei vielen sei es zu Hause nicht rund gelaufen. Beim Malen dagegen hätten sich ungeahnte Begabungen gezeigt. Einige der damals Anfang 20-Jährigen seien auch nach ihrer Freilassung bei der Malerei geblieben.

Mehr als sieben Mal hat Schönwetter einige der Werke bereits ausgestellt. Kuratiert hat die neue Ausstellung an der Konradinerallee Alexandra Waldmann vom Wiesbadener Amt für Soziale Arbeit.

„Menschen am Rande der Gesellschaft haben einen anderen Blick auf die Dinge“, sagt Waldmann. Es ist die zweite Sammlung in der Galerie „Outsider Art“, die zweimal jährlich die Werke von Menschen aus sozialen Randgruppen zeigt. Im kommenden Jahr kämen Bilder von psychisch Kranken und Demenzkranken an die Wände, berichtet Waldmann. Die Kunst der Außenseiter empfindet sie als sehr authentisch. „Es ist aber keine Sozialauswahl, ein gewisses Niveau muss sein.“

Das war auch Anja Schönwetter wichtig. Wer einmal im Kurs war, den wollte sie während der Haft möglichst lange dabei haben – und gerade denen etwas beibringen, denen zuvor nichts zugetraut worden war.

Die Ausstellung „Bilder aus dem Knast“ ist bis zum 11. Dezember, montags bis freitags, 8 bis 16 Uhr, zu sehen – in der Galerie „Outsider Art“ im dritten Stock des Verwaltungsgebäudes B der Stadt Wiesbaden, Konradinerallee 11. Der Eintritt ist frei.

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