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Gehörte die Fettdose dem namibischen Freiheitshelden? Ihr Weg von Afrika nach Wiesbaden

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Von: Madeleine Reckmann

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Andy Reymann erkundet die Herkunft der Objekte, die aus früheren Kolonien stammen. Hier mit einem Paddel aus Kamerun.
Andy Reymann erkundet die Herkunft der Objekte, die aus früheren Kolonien stammen. Hier mit einem Paddel aus Kamerun. © Rolf Oeser

Das Landesmuseum erforscht, ob seine Sammlungsstücke aus ehemaligen Kolonien Raubgut sind. Dabei bedient es sich auch der Arbeit der Universitäten.

Einige der Exponate aus der ethnologischen Sammlung des Hessischen Landesmuseums in Wiesbaden stellen für Andy Reymann ein Rätsel dar. Das große Xylophon ist so ein Fall. Xylophone sind seit Jahrhunderten in Afrika weit verbreitet. Dieses Stück mit seinen zwölf Schlagbrettern ist indes typisch für eine Variante aus Mosambik, von dem ein kleiner Teil von 1885 bis zum Ende des Ersten Weltkriegs zur deutschen Kolonie Ostafrika zählte. Der Ethnoarchäologe Reymann kennt zwar den Nachnamen des Sammlers, der Mansky hieß, aber mehr ist ihm nicht bekannt. „Ich habe viel recherchiert. Ich finde keine weitere Information dazu“, sagt er.

Auf Beutezügen mitgenommen?

Was den Wissenschaftler am Landesmuseum interessiert, ist, wie das Instrument von Afrika nach Wiesbaden kam. Wie es in die Hände des Sammlers geriet. Zu welchem Zweck es abgegeben wurde. Ob es gekauft, getauscht – oder gar geraubt wurde. Die berühmten Benin-Bronzen, die Bundesaußenministerin Annalena Baerbock kürzlich an Nigeria zurückgab, waren Raubgut. In der aktuellen Diskussion um die Rückgabe von Gegenständen an frühere kolonialisierte Länder geht es um unrechtmäßig erworbene Güter. Deshalb ist es so wichtig, zu klären, ob Gegenstände bei Beutezügen mitgenommen oder bei anderen Gelegenheiten gestohlen wurden.

Museum Wiesbaden koordiniert das Netzwerk

Seit einiger Zeit wird die ethnologische Provenienzforschung von institutionellen Kooperationen unterstützt. Reymann hat im November zur ersten Tagung des Verbundnetzwerks hessischer Museen und Sammlungen nach Wiesbaden eingeladen. Das Verbundnetzwerk wurde auf Initiative der hessischen Wissenschaftsministerin Angela Dorn (Grüne) 2021 gegründet und wird vom Museum Wiesbaden koordiniert.

Die Rolle der Missionare

Unter dem Titel „Aus der Ferne in die Heimat“ ging es darum gegangen, den Umgang mit dem Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten zu erörtern und Forschungsergebnisse auszutauschen. 70 Vertreter:innen aus Wissenschaft und Sammlerorganisationen wie etwa der katholischen Kirche aus ganz Deutschland waren zu Gast. Reymann hielt einen Vortrag über die Rolle der Missionare als Sammler am Beispiel des in Wiesbaden geborenen Bäckersohns Carl Berger.

Sammler reichten ihre Objekte weiter

Der evangelische Missionar war 1895 nach Namibia ausgewandert und wurde später Farmer. Bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts sammelte er Artefakte und Naturobjekte aus der Region: Eine Fettdose, eine Schildkröttasche, Jagdwaffen und Schmuck. Seine Erb:innen vermachten in den 1970er und 1980er Jahren zahlreiche Stücke dem Wiesbadener Landesmuseum. „Wir zeigen, dass die Akteure der Kolonialgeschichte nicht für sich stehen, sondern eingebunden in Netzwerke waren“, sagt Reymann. Die Bekanntschaften der Sammler:innen sind von Bedeutung, weil sie das Netzwerk bilden, in dem Sammlungsgüter weitergereicht wurden. Sie sind ein wertvolles Vehikel für die Provenienzforschung.

Eine Sammlung aus Neu-Guinea an zwei Orten aufbewahrt

Durch die Untersuchung solcher Sammlernetzwerke ergeben sich überraschende Erkenntnisse. Etwa die, dass die naturkundliche Sammlung des Museums Wiesbaden Paradiesvögel aus Neu-Guinea aufbewahrt, die vom Missionarsehepaar Bergmann mitgebracht wurden. Karoline Bergmann, 1864 in Biebrich geboren, vermachte die naturkundlichen Objekte dem Naturkundemuseum in Wiesbaden und die ethnologische Sammlung der Universität Mainz, ein Umstand, der später vergessen wurde. Die Mainzer Kuratorin der ethnografischen Studiensammlung Anna-Maria Brandstetter referierte auf der Tagung dazu. Ihre Forschungsergebnisse nutzen also auch dem Landesmuseum Wiesbaden.

Erkenntnisse teilen

„Wir sind dran, die losen Fäden zu erkennen“, kommentiert Reymann, der auch über den regelmäßigen Austausch mit Dagmar Schweitzer de Palacios von der Universität Marburg berichtet. Die Universität hatte in den 1960er Jahren die ethnologische Sammlung des Nassauischen Altertums aus Wiesbaden gekauft. Oft sammelten Menschen Naturkundliches und Altertümer. Die Erkenntnisse über sie werden geteilt.

Täglicher Umgang mit Hendrik Witbooi

Reymanns Analyse der Kolonialgeschichte in Deutsch-Ostafrika ergab, dass die Fettdose und andere Dinge vom späteren namibischen Nationalhelden und Widerstandskämpfer gegen die deutsche Kolonialmacht, Hendrik Witbooi, stammen könnten. Carl Berger führte die erste Missionsstation in Rietmond, in der sich Witbooi bewegte. Das Oberhaupt des Nama-Stammes sei ein eifriger Kirchgänger, ist laut Reymann bei Berger zu lesen. Berger lebte einige Zeit in Witboois Haus; es gab einen täglichen Umgang. Da das alleine kein Beweis ist, würde Reymann gerne den schriftlichen Nachlass Carl Bergers, der bei der Vereinten Evangelischen Mission und in Namibia lagert, einsehen. Dabei würden sich gewiss weitere Querverbindungen zu Personen ergeben, die in Afrika Kunst, Waffen, Schmuck, Alltagsgegenstände und vieles mehr sammelten.

Das Xylophon hat ein Herr Mansky aus Afrika mitgebracht.
Das Xylophon hat ein Herr Mansky aus Afrika mitgebracht. © Rolf Oeser

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