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Geflüchtete bekommen in Wiesbaden eine Perspektive

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Von: Madeleine Reckmann

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Larissa Klinger, Angelika Seleznova und Ullrich Neumann (v.l.) unterstützen Geflüchtete aus der Ukraine.
Larissa Klinger, Angelika Seleznova und Ullrich Neumann (v.l.) unterstützen Geflüchtete aus der Ukraine. © Peter Jülich

Der Verein VIBU will Menschen, die aus der Ukraine geflüchtet sind, in Wiesbaden integrieren. Ehrenamtliche helfen bei der Jobsuche und geben Deutschunterricht.

Die Veranstaltung zur Stärkung der eigenen Person kommt besonders gut an. Bis zu 50 Ukrainerinnen hätten den Vortrag verfolgt, wie sie ihre eigene Widerstandskraft erhöhen und auf sich aufpassen können, berichtet Larissa Klinger erstaunt. Viele der Geflüchteten erwarteten zu viel und müssten erst lernen, sich kleine Ziele zu setzen. „Mit dem Vortrag haben wir Geduld reingebracht“, sagt Klinger. Gemeinsam mit Freunden und Freundinnen gründete sie kürzlich den Verein für „Integration für Bürger aus der Ukraine“ (VIBU). „Ich möchte Zukunftsperspektiven schaffen“, sagt Klinger, die zuvor eine Galerie mit Kunst aus der ehemaligen Sowjetunion und Europa führte.

Kurz nachdem Russland am 24. Februar 2022 die Ukraine überfällt, hält sie es nicht mehr zu Hause aus. Die 56-Jährige aus Transnistrien, dem Teil der Republik Moldau, der sich 1992 für unabhängig erklärte und nur von Russland anerkannt wird, beteiligt sich an Unterstützeraktionen im März in Wiesbaden auf dem Markt der Hilfe für die Geflüchteten aus der Ukraine. Da sie Russisch spricht, ist sie bei Übersetzungen behilflich, gibt außerdem privat und ehrenamtlich Deutschunterricht.

In der Registrierstelle in der Homburger Straße lernt sie Angelika Seleznova kennen, die allein aus Dnipropetrowsk in der Ostukraine nach Wiesbaden gekommen ist. Klinger hilft der 48 Jahre alten Juristin, die in ihrer Heimat in der Stadtverwaltung arbeitete, die nötigen Formulare auszufüllen. „Ihre Geduld war rührend. Das hat extrem geholfen“, erinnert sich Angelika Seleznova. Auch die anderen Treffen hätten sie gestärkt. „Wenn man allein in einem fremden Land ist und sich jemand kümmert, dem es nicht gleichgültig ist, wie es dir geht, tut das einfach gut“, lässt sie Klinger übersetzen. Sie habe alle Fragen stellen können. Welche Versicherungen sind notwendig? Wie kommt man an Arbeit?

Larissa Klinger begleitet Geflüchtete zum Arzt und zum Elternabend, hilft Mietverträge auszufüllen und findet eine russischsprachige Hebamme für eine Schwangere. Vereinsmitglieder erklären, was es mit der GEZ-Gebühr auf sich hat, wie man Kinder in einem Kindergarten anmeldet und wie die Jobbörse funktioniert.

„Es geht um ein selbstbestimmtes Leben, wir wollen verhindern, dass Ex-Ukrainer in ein paar Jahren in einer Art Ghetto leben“, sagt der Unternehmensberater Ullrich Neumann, der Schatzmeister des Vereins. Wahrscheinlich werde ein Drittel der 3500 Personen aus der Ukraine dauerhaft in Deutschland bleiben. „Das sind 1000 bis 1500 Menschen“, vermutet Neumann. Deshalb hat sich der Verein zum Ziel gesetzt, den Geflüchteten Deutschunterricht zu geben und sie in den Beruf zu bringen. Sollten die Männer dann zu ihren Frauen ziehen, solle es möglich sein, eine Existenz zu gründen.

Außerdem stehen Kultur und Politik auf dem Programm. 2023 soll die Vortragsreihe fortgesetzt werden. Auch ein deutsch-ukrainisches Kochevent ist geplant. Wie genau alles funktionieren soll, ist Klinger und Neumann nicht ganz klar. „Die Dinge werden sich ergeben“, betont Klinger, wohl wissend, dass dies jahrelanges Engagement erfordert. Die deutsche Sprache sei Voraussetzung für die Integration. Aktuell arbeitet Neumann an einem Netzwerk englischsprachiger Unternehmen, in dem Ukrainer:innen mit Englischkenntnissen tätig sein könnten. Die sieben Vereinsmitglieder betreuen mittlerweile über hundert Geflüchtete. Sie wollen nun auch Ukrainer:innen, die schon lange in Wiesbaden leben, ansprechen, ob sie helfen können.

vibu-wiesbaden.de

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