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Das Theater Kranewit nach der Vorstellung von Hänsel und Gretel mit jungen Fans.

Wiesbaden

Gebratener Hänsel mit Estragon

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Kunstvolle Aufführungen: Das Puppenspielfestival mit der Gruppe Kranewit begeistert Kinder wie Erwachsene.

Ihre Löffel kratzen auf den Tellern. Hänsel und Gretel denken sehnsüchtig an Grießbrei, Erbsen mit Speck und Brathähnchen. Doch es gibt wieder nur Wassersuppe, und der Hunger nagt. Bekanntlich werden die beiden Märchenkinder von ihren Eltern im Wald ausgesetzt, wo die Geschwister auf eine Hexe im Knusperhäuschen stoßen. Der läuft beim Gedanken an Hänsel, gebraten mit Estragon und frischen Waldpilzen, gleich das Wasser im Mund zusammen.

Gebannt verfolgen etwa 60 Kinder im Alter von zwei bis acht Jahren das Geschehen auf der Bühne im Kinderhaus am Elsässer Platz. Das mehrfach international preisgekrönte Berliner Objekt- und Schauspieltheater Kranewit spielt Grimms Märchen beim 42. Wiesbaden Puppenspielfestival. Die vierjährige Mara hat zuvor stolz verkündet, sie habe keine Angst vor der Hexe – aber ihr fünfjähriger Bruder. Die beiden Geschwister gehen häufiger ins Kindertheater, erzählt deren Vater Marcel Löhr aus Eppstein. Es ist ihr erster Besuch beim Puppenspielfestival.

Die Wiesbadenerin Hassana Bouhjar war mit ihren beiden Töchtern schon im Vorjahr da. Der Familie gefällt, wie Märchen auf eine andere Weise dargestellt werden. Kinder wachsen heute mit digitalen Medien auf, und siebenjährige Mädchen interessieren sich heute sehr für Computer, Mode und Schminke, sagt die 33-jährige Mutter. Für ein Kind sei es aber wichtig, „Kind zu bleiben, und dazu gehört, die eigene Fantasiewelt zu erhalten“.

Kerstin Franz und ihr siebenjähriger Sohn Benedikt zählen seit 2013 zu den treuen Festivalbesuchern. Dieses Jahr ist erstmals auch die zweijährige Tochter Johanna mit von der Partie. Kerstin Franz schätzt an dem zweiwöchigen Festival die professionellen Puppenspieler und ihre künstlerisch anspruchsvollen Darbietungen. Mit herkömmlichen „Kasperletheater“ sei das nicht zu vergleichen, sagt sie. „Die Spieler gehen gut auf die Kinder ein, und auch Erwachsene können aus der Vorführung etwas mitnehmen.“ Beeindruckend findet sie zudem, wie oftmals nur ein oder zwei Spieler die komplette Handlung mit ein paar Requisiten, Musik und Geräuschen erzählen.

So streicht etwa Franziska Hoffmann vom Kranewit Theater ihre Geige auch mal mit einem dünnen Ast oder einem Büschel Herbstlaub. Hölzerne Hufschuhe von Pferden dienen dem Duo als Masken und tragen die Gesichter von Hänsel und Gretel. Kinder seien ein unbestechliches, kritisches Publikum, benennt Kristina Feix als große Herausforderung des Kindertheaters. „Man bekommt sofort gespiegelt, ob sie es interessant finden oder nicht.“ Feix absolvierte die renommierte Schauspielschule Ernst Busch in Berlin, seit fünf Jahren leitet sie die von ihr 2003 mitbegründete freie Kompagnie.

„Das ist Kunst“, sagt auch Serden Anil, die mit ihrem Ehemann und den zwei Söhnen vor einem Jahr nach Wiesbaden zog. Die Familie sah bereits das Papiertheaterstück „Niyar“, mit dem das Festival eröffnete. In diesem Jahr seien sehr kunstvolle Inszenierungen im Programm, sagt der künstlerische Leiter Stefan Maatz. Bei der Auswahl achte er jedoch darauf, dass Publikumsrenner wie der „Kleine Rabe Socke“ ebenfalls zu ihrem Recht kommen. Mit Erfolg: Fast die Hälfte der Karten gingen 2018 bereits im Vorverkauf weg. Erstmals können die Tickets auch online gebucht werden. Für einige Vorstellungen in der kommenden Woche gibt es noch Karten.

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