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Wartet auf neue Filme und auf Besucher: Marc Ewert, der seine Kinos in der dritten Generation betreibt.

PORTRAIT DER WOCHE

Ganz geringes Ansteckungsrisiko im Kino

  • Madeleine Reckmann
    vonMadeleine Reckmann
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Marc Ewert hat seine Cineplex-Häuser in Wiesbaden seit Mai wieder geöffnet. Während der Herbstferien soll „Jim Knopf und die wilde 13“ die Kasse klingeln lassen.

Als kleiner Junge ist Marc Ewert in der Wohnung über dem „Apollo“ in der Moritzstraße in Wiesbaden aufgewachsen. Das Kino war eines der Lichtspielhäuser seiner Eltern. Sonntags um elf war Kindervorstellung. Für ihn gehörten die „Godzilla“-Filme damals zu seinen Lieblingen. Jetzt ist es ein Kinderfilm der ganz anderen Art, auf dem seine Hoffnung liegt.

„In der ersten Herbstferienwoche erwarte ich von ‚Jim Knopf und die Wilde 13‘ ein gutes Geschäft“, sagt Ewert, der das Kinounternehmen nun in der dritten Generation führt. Das „Arkaden“, das „Thalia Hollywood“ und das „Apollo“-Center in Wiesbaden gehören dazu.

„Jim Knopf und die Wilde 13“ kann aber nicht alle Probleme des Unternehmens lösen. Natürlich habe es seit der Gründung 1927 durch seinen Großvater immer Höhen und Tiefen des Kinos gegeben. So schwer wie heute seien die Zeiten jedoch nie gewesen, sagt der 51-Jährige. „Selbst im Krieg waren die Kinos nie geschlossen“, erinnert sich Ewert an die Erzählungen aus der Familie. Die Corona-Pandemie könnte den guten und erfolgreichen Kinojahren nun ein Ende setzen. Wie lang die Durststrecke noch durchzuhalten sei? Ewert zuckt mit den Schultern. Während des Lockdowns hatte er 100 Prozent Verlust, bis August waren es 85 bis 98 Prozent, für den September schätzt er den Verlust auf 75 Prozent. Seine 50 Angestellten sind in Kurzarbeit. Die Überbrückungshilfen der Regierung hat er bereits in Anspruch genommen. Jetzt hofft er auf weitere Hilfsprogramme.

Ewert ist nicht nur Filmliebhaber, der sich alle Genres ansieht, Action, Zeichentrick, Arthouse, Familienfilme. Er ist auch ein zielstrebiger Geschäftsmann, der nicht lange zögert. 1996 gründete er mit weiteren vier Betreibern die Cineplex-Gruppe, unter der seine Kinos heute firmieren. Die Wiesbadener Cineplex-Lichtspielhäuser seien in der Corona-Krise deutschlandweit die dritten gewesen, die Mitte Mai wieder öffneten. Nur zwei kleine hessische Kinos seien schneller gewesen. Darauf ist Ewert stolz.

Es sei nicht die Hygieneverordnung, die ihm Sorgen mache. Die Abstandsregeln könnten durch die computergesteuerte Sitzplatzvergabe bestens eingehalten werden. Jede zweite Sitzreihe bleibe leer, und zwischen den Besuchergruppen lässt der Computer automatisch zwei freie Plätze. Ewert hält den Kinobesuch für eine der risikoärmsten Freizeitgestaltungen überhaupt. Das ist seine Botschaft. Er möchte das Vertrauen des Publikums wiedergewinnen.

„Im Kino sitzt man sich nicht gegenüber, alle schauen in eine Richtung, es wird nicht gesprochen, nicht gesungen, nicht geschwitzt“, zählt er auf. Der Mund-Nase-Schutz sei Pflicht auf den Wegen zum Sitzplatz. Dort könne er abgenommen werden, um den Film so richtig zu genießen.

Zudem hätten die Säle ohnehin gute Be- und Entlüftungsanlagen, die man so einstellen könne, dass sie mehr Frischluft transportierten, berichtet Ewert. Das Einhalten der Abstände und die Erfassung der Namen ließe sich durch die Onlinebestellungen gut kontrollieren. Die Menschen hätten auch Lust aufs Kino. „Denen fällt doch zu Hause die Decke auf den Kopf.“

Ewert hat die bisherigen Erfahrungen mit der Pandemie auf seiner Seite. Superspreader-Events in Kinos seien weltweit nicht bekannt, sagt er. „Im Kino kennt man sich nicht.“ Der Verzehr von Speisen während der Vorstellungen ist erlaubt. Die Theken haben normal geöffnet. Im „Arkaden“ hängt noch am Vormittag der süße Popcorngeruch.

Aber es bleibt ein großes Problem, auf das er keinen Einfluss hat. Wegen der Corona-Krise gibt es zu wenig attraktive Filme. „Die Filmverleiher halten die neuen Filme zurück, zum Teil bis ins nächste Jahr“, so Ewert. Und die älteren Filme wolle niemand sehen. „In der ersten Woche nach der Schließung haben wir das gezeigt, was Corona im März abgewürgt hat, ‚Onward‘ und ‚Parasite‘. Aber das funktioniert nicht. Die Leute wollen Neues.“

Anfang September habe es mit dem Science-Fiction-Actionfilm „Tenet“ und dem zweiten Teil der Romanzenserie „After Truth“ erstmals nach dem Lockdown wieder neue Produktionen im Kino gegeben. Ins „Arkaden“-Kino in der Bleichstraße passen normalerweise 535 Besucher, wegen der Abstandsregel nur etwa 130. Ewert ließ die beiden Filme auf mehreren Leinwänden gleichzeitig laufen. So erreichten sie wieder Zuschauerzahlen wie vor der Krise. Aber da in New York, Los Angeles und San Francisco der Kinobesuch noch verboten sei, zögerten die Verleiher aus Angst vor Piraterie die Premieren hinaus. „Große Filme werden ein, zwei Wochen vor dem Start verlegt, es gibt keine Planbarkeit“, klagt Ewert, „ewig darf das nicht dauern.“ Normalerweise gebe es jede Woche einen neuen Film. Der nächste, auf den Ewert wartet, ist der neue „James Bond“; er ist für den 12. November vorgesehen.

Ewert ist kein Pessimist. „Corona wird die Gesellschaft und das Freizeitverhalten langfristig verändern“, ist er überzeugt. Aber er glaube dennoch an die Zukunft der Kinos. Die Menschen wollten doch raus unter Leute, so seine Beobachtung. Einige Gäste bedankten sich, dass er seine Kinos wieder geöffnet habe und Filme zeige.

Die Chancen, dass die Wiesbadener Cineplex-Kinos der Ewerts in Familienhand bleiben, sind groß. Er und seine beiden Geschwister, die wie die Mutter Mitgesellschafter und Mitgesellschafterinnen sind, haben zusammen fünf Kinder.

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