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Der Zuschauerraum. Foto: Michael Schick

Wiesbaden

Unter und überm Wellendach des Caligari

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Die „Winter-Edition“ der Stadtspaziergänge führt zu einem Juwel der Kino-Geschichte - das selbst mancher Wiesbadener nicht kennt

Ein Kino-Traum in Schwarz, Rot und Gold. Mit wunderbar bequemen roten Sesseln, in feiner Goldschrift nummeriert. Jeder Platz bis hinauf unters geschwungene Wellendach ausgestattet mit einer sensationellen Beinfreiheit, die Beleuchtung dezent mit den goldenen Dekors spielend, aufstrahlend aus Kelchen, aus denen früher Untertassenlampen strahlten. Volker Schlöndorff ist dran, er will sie wiederhaben im Caligari. Ja, der berühmte Regisseur, der das Kino aus den 20er Jahren einst als "Juwel unter den Lichtspielhäusern" beschrieb, gehört zu seinen Paten.

Natürlich war der Filmschaffende schon mal zum Diskurs hier, als Biebricher ist Schlöndorff schließlich ein Sohn Wiesbadens, das Film- und Medienstadt werden wollte, als nach der Kur-Kultur um die Jahrhundertwende neue Zauberwelten gefragt waren. Auch Heinz Rühmann hat es hier versucht, mit einer Filmproduktion, der keine Zukunft beschert war. Viele Stars hat das Kino live gesehen, Festivals mit Gästen aus der Filmwelt sind Highlights der Caligari-Filmbühne. Im zweiten und dritten Leben des Juwels, dessen Wert die Stadtväter zum Glück erkannt haben.

Mit "Faust ? eine deutsche Volkssage" von Friedrich Wilhelm Murnau wurde der 1926 im neugotischen Stil erbaute UfA-Filmpalast eröffnet. Ein Stummfilm mit Musik, Paul Dessau dirigierte im Orchestergraben. Benannt wurde das Kino nach dem Klassiker "Das Cabinet des Dr. Caligari". Zwei Eingänge hatte das Kino, einen passend zur Wilhelmstraße groß und prunkvoll, eher schlicht die Rückseite zum Marktplatz hin. Mit Rücksicht auf die Marktkirche, die nur ein paar Meter entfernt aufragt.

Ortsfremde müssen genau hinschauen, wenn sie mit Stadtführer Rainer Niebergall um die Ecke biegen. Schlichte Fassade, bescheidener Caligari-Schriftzug, nur die Schaufenster mit den Filmplakaten weisen aufs Kino hin. Und Niebergall zeigt den 15 Kinofreunden, die ihm folgen, den Weg durch die Flügeltüren in das prachtvolle Innere. Sie haben den ersten Stadtrundgang der "Winter-Edition" 2018 gebucht, einen Spaziergang zu einem besonderen Gebäude, das untrennbar mit der Wiesbadener Geschichte verbunden ist. Das Caligari ist Institution.

Ist Niebergall draußen der ausgewiesene Kenner der Filmstadt Wiesbaden, löst ihn drinnen Claudia Steiger ab, die für den Spielplan verantwortlich ist. Und nun die Winter-Spaziergänger mitnimmt in das einladende Foyer, das sofort Lust auf mehr Prunk macht und die Vorfreude steigert auf den Eintritt in den prachtvollen Kino-Saal.

Andächtige Stille im ersten Moment. Was für ein Luxus im Gegensatz zu all diesen modernen Schuhkasten-Filmabspielstätten. Ohne akustische und olfaktorische Belästigung durch Popcorn-Esser. Na bitte, "wir wollen doch kein Hollywood-Kino sein", sagt Claudia Steiger.

"Ich bin beeindruckt und begeistert", sagt Markus Laukart (39), der trotz gewisser Kino-Affinität und schon 15 Jahren in Wiesbaden das Caligari nie von innen gesehen hat. "Dieses richtige Zelebrieren von Kino" hinterlässt Eindruck bei ihm und seiner Frau Jutta Gutsche. Ein ganz besonderes Erlebnis abseits von Plüschsesseln und Leinwand haben die beiden im Ober- und Hinterstübchen des Kinos, wo sonst niemand hin darf. Im Vorführraum mit analoger und digitaler Technik, zu dem man durch ein Treppenhaus kommt, der mit Filmplakaten beklebt ist. Ein enger Raum hinter den schmalen Sehschlitzen, wo es im Sommer "heiß ist wie in einer Sauna" (Steiger) und die wahren Meister des Kinos ihrer Arbeit nachgehen. Und noch spezieller der Gang über die wilde Konstruktion von abgehängten Stegen über dem geschwungenen Wellendach. Hier wechseln die Techniker kaputte Glühbirnen im filigranen Decken-Beleuchtungssystem aus.

Rund 1000 Kino- und Boulevardtheater-Besucher fanden noch in den 50er Jahren Platz unter dem Wellendach. Das änderte sich erst mit dem zweiten Leben des Caligari und dem Umbau 1955 nach der zehnjährigen "Besatzung" durch die US- Streitkräfte. Zum Luxus-Kino in kommunaler Hand, in dem man Filmkunst in vielen Facetten zelebrieren kann, wurde das Caligari im Jahr 2000, als die Stadt 3,5 Millionen D-Mark in den Umbau investierte.

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