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Frankfurt: Mehr Schutz für junge Gewaltopfer

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Von: Gregor Haschnik

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Im ersten hessischen „Childhood House“ sollen Medizin, Justiz und Jugendhilfe eng kooperieren. In der Einrichtung werde jeder Schritt aus der Perspektive der Kinder gedacht.

Kinder und Jugendliche, die Opfer von sexualisierter oder anderer Gewalt geworden sind, kämpfen oft jahrzehntelang mit den Folgen. Nach Übergriffen müssen sie in der Regel in verschiedenen Einrichtungen von vielen Verantwortlichen befragt und untersucht werden, was sie zusätzlich erheblich belastet. Auch für Mädchen und Jungen, bei denen sich der Verdacht schließlich nicht bestätigt, ist das Verfahren mit großem Stress verbunden.

Das erste „Childhood House“ in Hessen, das neben der Kinderschutzambulanz auf dem Areal der Frankfurter Uniklinik geplant ist, soll dies ändern. Wie das bei dem Projekt federführende Hessische Sozialministerium auf Anfrage der Frankfurter Rundschau bestätigt, würden mehrfache Befragungen und Untersuchungen vermieden, weil alle Beteiligten aus Medizin, Jugendamt, Polizei und Justiz unter einem Dach gemeinsam wirkten. Betroffene würden durch alle Abläufe begleitet und psychologisch betreut. Alle, die auf sie zugingen, seien besonders geschult, um eine Retraumatisierung zu verhindern.

Das Besondere an dem Konzept sei, dass alle notwendigen Schritte aus der Perspektive der Kinder und Jugendlichen koordiniert würden, „um ihren Schutz und die Wahrung ihrer Rechte bestmöglich zu gewährleisten“, so Sozialminister Kai Klose (Grüne). Kinderschutz habe eine besondere Priorität.

Neben dem Sozialministerium ist das Wissenschaftsministerium beteiligt, auch weil das Frankfurter Childhood House ein forschendes Kompetenzzentrum werden soll, das Wissen weitergibt.

Zum kindgerechten Konzept gehört auch die Einrichtung mit freundlichem, an den Bedürfnissen von Kindern angepasstem Mobiliar, der notwendigen medizinischen Ausstattung sowie Bildschirmen und Kameras für audiovisuelle Vernehmungen. Dadurch können Polizei, Staatsanwaltschaft und Jugendamt die Gespräche gleichzeitig verfolgen, ohne dass alle im Raum sein müssen. Und die Kinder können befragt werden, ohne dass die Eltern neben ihnen sitzen und sie womöglich beeinflussen oder sogar einschüchtern. Aussagen können aufgezeichnet und später als Beweismittel verwendet werden, was ebenfalls eine große Erleichterung darstellt.

Stets vor Ort verfügbar sein werden Fachleute mit kinderschutzmedizinischen, sozialpädagogischen und psychologischen Kompetenzen. Andere Beteiligte, beispielsweise aus Rechtsmedizin und Justiz, kommen bei Bedarf dazu. Die Leitung soll Matthias Kieslich übernehmen, der seit zehn Jahren die am Universitätsklinikum angesiedelte Kinderschutzambulanz führt. Diese behandelt Opfer und arbeitet bereits mit Polizei, Justiz und den Jugendämtern zusammen.

Der Bedarf an Hilfe ist groß: Die Ambulanz hat 2020 rund 600 Fälle von Kindesmisshandlung und sexueller Gewalt gegen Kinder und Jugendliche registriert, etwa ebenso viele wie 2019. In den Jahren zuvor seien die Zahlen gestiegen, um etwa 15 bis 20 Prozent pro Jahr.

In Deutschland gibt es bislang sechs Childhood Houses, unter anderem in Leipzig, Heidelberg, Berlin und Düsseldorf, zwei weitere werden in Kürze eröffnet. Die Häuser gehen auf die Idee des skandinavischen „Barnahus“ („Kinderhaus“) zurück – eine auf die Bedürfnisse von Kindern, die körperliche oder seelische Gewalt erlitten haben, abgestimmte Anlaufstelle.

Finanziert wird das Childhood House in Frankfurt den Angaben zufolge neben dem Beitrag der World Childhood Foundation „weit überwiegend aus Landesmitteln“. Das Land hat dafür bis 2025 insgesamt 1,2 Millionen Euro im Haushalt eingeplant.

Die Foundation wurde 1999 von Königin Silvia von Schweden gegründet. Ziel sei es, „das Recht der Kinder auf eine sichere und liebevolle Kindheit zu schützen“ und die Lebensbedingungen derjenigen zu verbessern, die sexuellem Missbrauch und Gewalt ausgesetzt sind, schreibt die Organisation mit Schwesterstiftungen in Deutschland, den USA und Brasilien. Kinderschutz und Wahrheitsfindung könnten Hand in Hand gehen, ist ihre Überzeugung. Die Stiftungen beraten lokale Träger auch beim Aufbau solcher Häuser.

Alle Verantwortlichen wünschten sich eine „schnellstmögliche Eröffnung“ des Childhood House in Frankfurt, heißt es aus dem Sozialministerium. Doch weil die Räumlichkeiten saniert und speziell ausgestattet werden müssten und auf dem Bausektor eine hohe Nachfrage herrsche, lasse sich noch nicht sagen, ob die Einrichtung schon in diesem Jahr oder später eröffnet wird.

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