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Flüssiges Gold

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Von: Ute Fiedler

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Mit solch kunstvollen Plakaten warb Söhnlein einst.
Mit solch kunstvollen Plakaten warb Söhnlein einst. © Archiv Henkell

Johann Jacob Söhnlein, Gründer der Sektfabrik, starb vor 100 Jahren

Sein Erbe sorgt für ein schönes Prickeln – im Bauchnabel und vor allem im Mund. Heute vor 100 Jahren starb Johann Jacob Söhnlein, der Gründer der Rheingauer Schaumweinfabrik, aus der später die Söhnlein & Co. Rheingauer Schaumweinkellerei Aktiengesellschaft entstand. Barbara Burkardt, Archivarin bei Henkell und Söhnlein, erzählt die Geschichte eines Mannes, der Unternehmer mit Leib und Seele war.

Söhnlein, 1827 in Frankfurt geboren, wuchs ab seinem zehnten Lebensjahr ohne Eltern auf. Er machte eine Ausbildung in einer Weinhandlung und einem Tabakunternehmen. Als Tabakfabrikant machte er sich selbstständig, zunächst in Frankfurt, bevor er der Liebe wegen nach Wiesbaden zog. In Schierstein erwarb er ein herrschaftliches Anwesen mit einer Hofreite, in der er die Tabakblätter für seine Zigarren trocknete, die er schließlich bis nach Amerika vertrieb.

Doch ein neuer Boom, der Mitte des 19. Jahrhunderts in Deutschland einsetzte, beschäftigte ihn zunehmend: Immer mehr Sektkellereien wurden gegründet. Nachdem alle Voraussetzungen für eine erfolgreiche Produktion geschaffen waren – zum Beispiel gab es nun Flaschen, die dem Druck des Sekts standhielten – entschied sich Söhnlein 1864, die Aktiengesellschaft Rheingauer Schaumweinfabrik zu gründen. Nicht nur zur damaligen Zeit ein mutiger Schritt.

Bewunderer Wagners

Doch Söhnlein, der ab 1867 Direktor der AG war, hatte alles richtig gemacht. Der Rheingold-Sekt, den Söhnlein aus Bewunderung für Richard Wagner und den Ring der Nibelungen so nannte, wurde zum Erfolgsprodukt. Er wurde sogar auf der Weltausstellung 1867 in Paris mit der Großen Medaille ausgezeichnet.

Ein deutscher Rieslingsekt, der den Champagner übertrumpfte: eine Sensation. Rheingold wurde zum ersten Markenartikel der Branche, den Söhnlein eifrig bewerben ließ – mit idyllischen Bildern vom Rhein und von Hagen von Tronje oder Grafiken namhafter Künstler, die sich darum rissen, Werbung für das „flüssige Gold“ gestalten zu dürfen.

In aller Munde war Rheingold, als sich Söhnlein mit den Champagnerfabrikanten Moet et Chandon einen erbitterten Pressekrieg lieferte: Das Luxusgetränk – eine Flasche kostete rund fünf Goldmark, der Monatslohn eines Arbeiters lag weit darunter – war als Taufsekt für die kaiserliche Flotte auserkoren.

Als ein Schiff in Long Island getauft werden sollte, gelang es den Franzosen, den Reeder zu überzeugen, ihren Champagner zur Taufe zu benutzen. Das ließ sich der Wiesbadener Unternehmer nicht gefallen. Man mag sich vorstellen, wie er getobt hat, wie sein Bart zitterte, als er von dieser Unerhörtheit erfuhr. Er klagte vor dem Wiesbadener Landgericht und erhielt Recht.

Obwohl das deutsche Kaiserhaus ein wichtiger Werbeträger für die Kellerei war, hielt es der gewitzte Geschäftsmann nicht so ganz mit der Kaisertreue. Als Kaiser Wilhelm 1872 alle Spielkasinos schließen ließ, erwarb Johann Jacob Söhnlein zwei große Roulette-Kessel.

Da man ja nicht mehr spielen durfte, ließ er sie mit einer Glasplatte verschließen. So hatte er zwei außergewöhnliche Probiertische, an denen die Kunden ihr „Gold“ setzen konnten. Einer der Kessel befindet sich heute noch immer bei Henkell & Söhnlein in der Biebricher Allee, der andere wurde ans Wiesbadener Kasino zurückgegeben.

Johann Jacob Söhnlein lebte für sein Unternehmen. Wenn er nicht arbeitete, engagierte er sich in der Kommission deutscher Schaumweinfabrikanten für bessere Schutzzölle für den Schaumwein und gegen die drohende Besteuerung des Sekts. Aber auch im Stadtgeschehen mischte er eifrig mit: Er war Mitglied in der Handelskammer und Kreistagsabgeordneter.

Am 24. Februar 1912 – heute vor 100 Jahren – starb Söhnlein. Sein Sohn Friedrich-Wilhelm übernahm die Kellerei, die 1987 mit Henkell fusionierte. Das Areal, auf dem Söhnleins Kellereifassade stand, wurde im Zweiten Weltkrieg zerbombt und später wieder aufgebaut. Heute sind in dem Gebäude an der Straße, die nach ihm benannt wurde, Unternehmen ansässig – die sicher zu dem ein oder anderen Anlass ein Gläschen Sekt trinken. Vielleicht sogar einen Söhnlein.

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