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Firma erstellt Risikoanalyse

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US-Militärmaschinen überfliegen regelmäßig Chemiefirmen.
US-Militärmaschinen überfliegen regelmäßig Chemiefirmen. © imago/Xinhua

Gefährdung durch Flugzeugabstürze für Kalle-Albert soll ermittelt werden.

Von Gaby Buschlinger

Es mutet makaber an, aber die letzte Hoffnung der vom Fluglärm durch US-Flieger geplagten Wiesbadener auf mehr Ruhe ruht auf einem möglichst hohen Chemieunfall-Risiko im Industriepark Kalle-Albert zwischen Biebrich und Amöneburg. Vielleicht könnte die Gefahr einer von einem abstürzenden Hubschrauber oder Starrflügler ausgelösten Giftgas-Katastrophe die amerikanischen Streitkräfte zur Reduzierung ihrer Flugbewegungen zwingen.

Denn die Anzahl der Starts und Landungen wird sich mit der Verlagerung des US-Hauptquartiers nach Erbenheim mehr als verdreifachen auf rund 60 pro Tag, weil auch 15 Black-Hawk-Hubschrauber zusätzlich zu den 20 Starrflüglern bis Ende 2014 hier stationiert werden. Nicht einmal eine Nachtruhe wenigstens ab 22 Uhr bis 6 Uhr wird eingehalten. Bitten von Politikern und Bürgern bringen gar nichts, da für die in Deutschland stationierten US-Streitkräfte „militärische Notwendigkeiten“ stets Vorrang vor dem Ruhebedürfnis deutscher Zivilisten haben.

Im vergangenen Jahr hatte indes das Luftwaffenamt den Antrag der Stadt und der Betreibergesellschaft von InfraServ auf ein Überflugverbot abgelehnt. Allerdings hatte der zuständige Major Sascha Greuel damals eingeräumt, von den Chemiebetrieben in der Nähe nichts gewusst zu haben.

Im nur fünf Kilometer Luftlinie entfernten Industriepark Kalle-Albert lagern laut der Bürgerinitiative gegen Lärm und Gefahren durch US-Flugzeuge (Bilgus) aber über 2,6 Millionen Liter für Mensch und Umwelt höchst gefährlicher Gefahrstoffe wie Methanol, Ammoniak, Ethylenoxid und Schwefelwasserstoff. Sie sind giftig, ätzend, erbgutverändernd, krebserzeugend, leicht entzündbar und wassergefährdend. Der Industriepark scheint ein Pulverfass zu sein.

Mit dem steigenden Flugaufkommen steige „auch die potenzielle Gefahr eines Absturzes auf dem Gelände des Industrieparks InfraServ“, sagen Bilgus-Sprecher Bernd Wulf und der Stadtverordnete Ronny Maritzen (Grüne). Teils hätten die Helikopter nur 100 bis 200 Meter Abstand zu den höchsten Gebäuden des Industrieparks, hat Bilgus dokumentiert. Das Luftwaffenamt wiederum hatte gesagt, dass der gesetzlich vorgeschriebene Mindestabstand nicht eingehalten werden könne, weil sonst die Starrflügler weit hinter der Landebahn aufsetzen würden.

Doch was alles passieren könnte, wenn ein US-Flieger auf den Industriepark abstürzt, weiß kein Mensch. „Eine Risikoanalyse wurde nie gemacht“, bedauert Umweltdezernent Arno Goßmann (SPD). Deshalb hat er jetzt die Schweizer Firma Matrisk beauftragt, ein solches Gutachten zu erstellen. Die Kosten bezifferte Goßmann auf rund 20000 Euro. Ergebnisse sollen Ende April vorliegen.

Bilgus-Sprecher Wulf beurteilt die Aussagekraft des Matrisk-Analyse skeptisch. Das Züricher Ingenieurbüro hat bereits die Sicherheit von Tunnels und Bohrplattformen eingeschätzt, „aber noch keine Chemieanlagen untersucht“. Auch die Kosten und die Zeitspanne empfand Wulf als bedenklich gering. Dennoch ist er froh, dass die Stadt sich endlich des Problems annehme.

Sollte die Bewertung ein Risiko feststellen, „hoffe ich, dass das Luftwaffenamt die Genehmigung für den Erbenheimer Flughafen nochmal überprüft“, sagt Bilgus-Sprecher Wulf. Vielleicht würden dann zumindest die Flugrouten geändert oder der Flughafen verlegt. Schließlich habe auch Ticona der neuen Landebahn in Frankfurt weichen müssen.

Derweil hat Umweltamtsleiter Joachim Mengden im Umweltausschuss mitgeteilt, dass die Zahl der Flugbewegungen in Erbenheim sogar auf 22000 steigen werde. Bislang war von 17000 die Rede. Dass der Amtsleiter den Lärm des Erbenheimer Airfields angesichts der 600000 Flugbewegungen am Frankfurter Flughafen als gering einstufte, macht Wulf „fassungslos“. „Die Stadt muss das Ruhebedürfnis ihrer Bürger bei den Militärs durchsetzen, es geht um unser aller Gesundheit.“ Oberbürgermeister Helmut Müller (CDU) wirft Wulf vor, „die Amis unter Vorspielen falscher Tatsachen hergelockt“ zu haben. Denn Müller dürften die Störfallbetriebe bekannt sein. Siehe Kommentar

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