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Feiern bis zum Umfallen

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Von: Ute Fiedler

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Immer mehr Jugendliche trinken, weil sie feiern wollen.
Immer mehr Jugendliche trinken, weil sie feiern wollen. © dpa

170 Jugendliche kommen pro Jahr mit einer Alkoholvergiftung in die HSK

Es ist Freitagabend. Wochenende, endlich. Das muss gefeiert werden. Tanja zieht mit ihren Freunden in die Innenstadt. Im Gepäck haben sie 1,5 Liter-Flaschen Energy-Drink gemischt mit Wodka. Das Verhältnis 1 zu 1. Süß schmeckt das Gesöff, das reihum gegeben wird. Ein Schluck nach dem anderen rinnt Tanjas Kehle hinab. Und dann auf einmal – Filmriss.

Tanja wacht im Krankenhaus auf. An ihrem Bett Ärzte, Infusionen stecken in ihren Adern, sie trägt Pampers. Sie, eine 14-Jährige, wie entwürdigend. Als die Ärzte ihr sagen, dass sie sich bewusstlos getrunken hat, erinnert sie sich wieder an die gesellige Runde. Aber die Stunden zwischen dem letzten Schluck und dem Aufwachen im Krankenhaus fehlen ihr.

Tanja fängt an, sich zu schämen. Jetzt kommt auch noch der Sozialberater der Suchthilfe. Thomas Abel ist der Mann, der jene Jugendlichen aufsucht, die mit einer Alkoholvergiftung in den Horst-Schmidt-Kliniken (HSK) landen. Tanjas Geschichte hat er frei erfunden. Er möchte die Jugendlichen schützen, die nicht mit der Presse über die Erfahrungen des sogenannten Komasaufens sprechen wollen. Zu groß ist die Scham.

Feiern bis zum Umfallen, gerade an Fastnacht überschreiten immer mehr Jugendliche ihre Grenzen. Zwar sank laut der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung die Anzahl der 12- bis 17-jährigen Komasäufer bundesweit binnen eines Jahres von 16,7 auf 15,2 Prozent. Doch im Vergleich der vergangen zehn Jahre, hat sich die Zahl der Krankenhaus-Einweisungen der unter 20-Jährigen von 800 auf 1800 Personen mehr als verdoppelt, sagt die Hessische Landesstelle für Suchtfragen.

Auch in Wiesbaden landen Jahr für Jahr etwa 170 bis 180 Kinder und Jugendliche im Alter von 12 bis 18 Jahren in der HSK. Tendenz steigend. „Es sind mehr Mädchen als Jungen. Sie werden immer jünger“, sagt Professor Markus Knuf, Direktor der Kinder- und Jugendklinik an der HSK. Exakte Zahlen anzugeben, sei schwierig. „Oft kommen die Jugendlichen nicht mit der Erstdiagnose Alkoholvergiftung zu uns.“

Das Projekt „Hart am Limit“ (HaLT) Wiesbaden versucht dem Komasaufen entgegenzuwirken. Zahlen, ob es das schafft, gibt es noch keine. Doch einen kleinen Erfolg können die Beteiligten bereits verzeichnen. Waren es in den Jahren 2008 bis 2011 etwa zwanzig Prozent, die das Angebot der Suchthilfe annahmen, sind es jetzt etwa 80 Prozent, sagt Abel.

Grund dafür sei eine Umstrukturierung gewesen. War das Projekt zunächst ein rein kommunales Unterfangen, wurde es im Mai 2011 an die Vorgaben des bundesweiten HaLT-Projektes angepasst. Wurden vorher Flyer an die Jugendlichen, die ins Krankenhaus kamen, verteilt, greift jetzt ein anderes System. Die Eltern werden auf das Angebot von Halt hingewiesen. Entbinden die Eltern die Klinik von der Schweigepflicht, wird die Suchthilfe eingeschaltet. Dann besucht der Sozialarbeiter die Jugendlichen, spricht mit ihnen, „allerdings ohne moralischen Zeigefinger“, sagt Abel. Die ganze Situation sei abschreckend genug: Krankenhaus, Pampers, keine Erinnerungen mehr.

In dem Gespräch geht es um die Gründe, die Gefahren des Alkoholmissbrauchs. „Wir schauen, ob der Jugendliche nur mal so seine Grenzen überschritten hat, oder ob da etwas anderes dahintersteckt, ob er gar an Alkohol gewöhnt ist. Das kommt auch ab und an vor“, sagt er und schildert den Fall eines jungen Mädchens, das morgens Alkohol brauchte, um auf Touren zu kommen.

Nicht selten schaut Abel in eine zerrüttete Seele. Die Gründe für den Griff zur Flasche sind vielfältig. Sie reichen von sexuellem Missbrauch bis hin zu Stress in der Schule, der durch G8 besonders gestiegen ist. Vor allem aber spielt die Familie eine große Rolle. Sind die Eltern selbst Alkoholiker, ist der Zugang zu dem Teufelszeug leicht. „Die häufigste Antwort auf die Frage, warum Alkohol getrunken wurde, ist: ,Ich habe gefeiert’.“ Gefeiert bis zum Umfallen.

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