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In der HSK werden keine Herzoperationen durchgeführt.
In der HSK werden keine Herzoperationen durchgeführt. © R. Hoyer

Ulla Diehlmann starb, weil es an der HSK keine Herz-Lungen-Maschine gibt

Von Gaby Buschlinger

Morgens um 8 Uhr flitzt sie, wie jeden Morgen, ins Büro, zur Ausländerbehörde. 40 Minuten später kippt Ulla Diehlmann (45) auf der Arbeit um, kommt mit dem Rettungswagen in die Horst-Schmidt-Klinik. Es geht ihr wieder besser, die Ärzte rätseln allerdings, was ihr fehlt, wollen sie zur Beobachtung da behalten.

Also schickt Ulla Diehlmann ihren Mann Frederik Diehlmann (44) nach Hause, damit er ihr Nachthemd und Zahnbürste holt. Als Frederik Diehlmann gegen Abend in die HSK zurückkehrt, wird seine Frau plötzlich reanimiert, und endlich stellen die Ärzte die richtige Diagnose: Aortendissektion, ein Riss in der Hauptschlagader. Nun zählt jede Minute. Ulla Diehlmann muss sofort am Herzen operiert werden.

Doch in den HSK ist das nicht möglich. Hier gibt es keine lebensrettende Herz-Lungen-Maschine, keine Herzchirurgie. Die nächste befindet sich in Mainz. Doch in diesem Klinikum ist an diesem Abend kein Bett mehr frei, keine weitere Herz-Notoperation machbar. In Frankfurt auch nicht, hier wird gerade renoviert. Erst nach etwa drei Stunden wird die HSK fündig: Die in Lebensgefahr schwebende Patientin kann ins 80 Kilometer entfernte Kaiserslautern. Doch für Ulla Diehlmann ist es zu spät: Kurz vor der Landung des Helikopters stirbt sie. Nachts um 1 Uhr erhält ihr Mann die bittere Nachricht. Er ist jetzt allein mit den drei Kindern Helene (13), Joshua (15) und Pauline (17).

„Den Ärzten mache ich keinen Vorwurf“, sagt Frederik Diehlmann. Die Diagnose sei äußerst schwer zu stellen, weiß er inzwischen. „Aber befremdlich finde ich, dass eine Großklinik mit Maximalversorgung wie die HSK keine Herz-Lungen-Maschine hat.“ Diese Frage treibt ihn immer und immer wieder um. Und deshalb geht er trotz seiner Trauer auch an die Öffentlichkeit: „Ich will aufrütteln, damit sich etwas ändert.“ Hier liege ein „Fehler im System der Notfallversorgung“ vor.

Doch das Sozialministerium sieht das anders. Weil es an den HSK keine herzchirurgische Abteilung gebe, würden dort auch keine Herzoperationen vorgenommen und folglich gebe es auch keine Herz-Lungen-Maschine, teilt Ministeriumssprecherin Susanne Andriessens auf FR-Nachfrage mit.

Diese Notfälle würden in Mainz, Frankfurt oder Bad Nauheim versorgt. Auf die Frage, ob nach Ulla Diehlmanns Tod der Krankenhausbedarfsplan geändert werde, antwortete das Sozialministerium nur mit: „Nein.“ Der Witwer ist fassungslos. Und fragt sich, warum die Suche nach einer Klinik, die diese Not-OP am Herzen hätte vornehmen können, drei Stunden gedauert habe.

Der Direktor der HSK-Klinik für Kardiologie, Martin Sigmund, nennt Ulla Diehlmanns Tod „schicksalhaft“. Denn die „herzchirurgische Versorgung“ sei für Wiesbaden bestens dank der „drei nahen und exzellenten Kliniken in Mainz, Frankfurt und Bad Nauheim“. Dass kein OP-Team in der Umgebung verfügbar gewesen sei, habe er in den 16 Jahren an den HSK „noch nie erlebt“.

Ob Ulla Diehlmann überlebt hätte, wenn sie sofort operiert worden wäre, wagte Sigmund, der zusammen mit sieben anderen Oberärzten der HSK auf der Focus-Ärzteliste 2011 steht, nicht zu sagen. Die richtige Diagnose habe gedauert, „weil die Ursache der Bewusstlosigkeit unklar war“, sagt Sigmund. Ein Neurologe habe zunächst einen Schlaganfall ausgeschlossen, dann wurde wegen der Atemnot eine Lungenembolie vermutet, die sich aber nicht bestätigte. Eine Aortendissektion verglich Sigmund mit einem Chamäleon: „Sie ist schwer zu erkennen.“ Und die Diagnose bedeute keine Überlebensgarantie. Im Gegenteil: „Ob mit oder ohne Operation – nach 24 Stunden verstirbt die Hälfte der Patienten wegen der hohen Komplikationen.“

Der Kardiologie-Chefarzt empfindet das Fehlen einer Herz-Chirurgie an den HSK nicht als Manko. Denn eine solche Abteilung im eigenen Haus bedeute keineswegs eine jederzeitige Verfügbarkeit von OP-Teams: „Die Operateure können auch gerade in einer anderen Operation stecken.“

25 Jahre waren die Diehlmanns zusammen, 18 Jahre davon verheiratet. Jetzt erwägt der dreifache Vater einen Umzug an die Mosel. Nach fünf Monaten intensiven Kümmerns um die drei Teenager müsse er nun beruflich erst mal wieder loslegen. Und finanziell auf die Beine kommen. Denn der Tod befreit nicht von Zahlungspflichten: „Die dickste Rechnung kam ausgerechnet von der Klinik, in der sie verstorben ist“, schüttelt Diehlmann den Kopf. 2300 Euro kostete der Hubschrauber-Transport. An der Garderobe im Flur hängt immer noch die helle Jacke seiner Frau.

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