Vortrag in Wiesbaden

"Nationalsozialismus kein Vogelschiss"

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Der Lehrer Philipp Kratz spricht in Wiesbaden über den Umgang mit der NS-Geschichte.

Herr Kratz, vor drei Tagen lobte der französische Staatsminister Macron die Deutschen für ihren selbstkritischen Umgang mit der eigenen Geschichte. Zu Recht?
Der selbstkritische Umgang mit der eigenen Geschichte ist eine der Errungenschaften der Bundesrepublik, aber er ist auch eine Defizitgeschichte. Es wurden Opfer nicht entschädigt, Hunderttausende Täter nicht bestraft. Nach so einem Verbrechen kann es wohl nur einen schlechten oder sehr schlechten Umgang mit der Geschichte geben. 

Zurzeit hat man den Eindruck, alte Gespenster in Gestalt von Populisten erstehen auf. Was lässt sich aus Ihren Forschungen darüber lernen?
Ja, man hat Déjà-vu-Erlebnisse aus den 1980er-Jahren. Viele Konservative wollten, wie heute die AfD, einen Schlussstrich unter die Geschichte ziehen. Wir müssen die alten Debatten wieder führen und weiter begründen, warum der Nationalsozialismus ein besonderer Teil der Geschichte ist - und kein „Vogelschiss“.

In Wiesbaden wurde 1954 der frühere NS-Oberbürgermeister Erich Mix zum OB gewählt. Wie konnte das passieren?
Das gab es in keiner größeren deutschen Stadt außer in Wiesbaden. Aber es ist nicht bemerkenswert. Die BRD wurde mit den alten NS-Funktionseliten aufgebaut. Mix wurde gerade wegen seiner NS-Vergangenheit gewählt. Die FDP, für die er antrat, warb mit der Erfahrung des Kandidaten. Niemand protestierte öffentlich, selbst die Opfer nicht. 

Welchen Betrag leistete die Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit, wo Sie morgen reden?
In Wiesbaden brachte sie als einer der ersten Akteure den Judenmord zur Sprache. Der damalige Bundespräsident Heuss hielt Vorträge. Fortbildungen für Lehrer wurden organisiert. Die Gesellschaft war eine treibende Kraft für den Gedenktag am 9. November. Aber es gab auch die andere Seite. Der Gründungsvorsitzende Ernst Siegfried Morgen war Antisemit. Die Gesellschaft hegte immer wieder uneinlösbare Schlussstrich- und Versöhnungsfanta-sien. Versöhnung kann es auf einer individuellen Ebene geben, für ein staatliches Massenverbrechen ist sie die falsche Kategorie. Welche Autorität sollte auch über eine endgültige Versöhnung und einen Schlussstrich entscheiden? So etwas gibt es in einer pluralistischen Demokratie nicht.

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