Neuer Oberbürgermeister von Wiesbaden: Sven Gerich.
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Neuer Oberbürgermeister von Wiesbaden: Sven Gerich.

Wiesbaden neuer OB

Frischer Wind im Rathaus

  • Ute Fiedler
    vonUte Fiedler
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Der SPD-Mann Sven Gerich wird Oberbürgermeister der Landeshauptstadt und will die Stadt vor allem menschlicher machen. Die CDU hingegen regiert in keiner hessischen Großstadt mehr.

Ausgerechnet kurz vor dem Oberbürgermeisterwechsel in Wiesbaden tauchte ein Gutachten auf, das den Führungsspitzen der Stadtverwaltung ein schlechtes Zeugnis ausstellt. Der Krankenstand in den städtischen Ämtern und Dezernaten ist in keiner anderen Stadt vergleichbarer Größe so hoch wie in der Landeshauptstadt. Als Gründe nannte der Gutachter unter anderem die Kultur der Verwaltung, die Versagensängste fördere und ein Risiko für die Gesundheit der Mitarbeiter darstelle – eine Ohrfeige auch für den scheidenden Oberbürgermeister Helmut Müller (CDU), der sein Amt am 1. Juli an Sven Gerich (SPD) übergeben wird. Das Gutachten, das eigentlich erst nach dem Wechsel veröffentlicht werden sollte, trägt sicherlich dazu bei, dass der Abschied für Müller noch unversöhnlicher wird. Der 61-Jährige hatte nach der Wahlschlappe am 10. März keinen Hehl daraus gemacht, dass er gerne Rathauschef in Wiesbaden geblieben wäre. Und dass er mit einer Niederlage nicht gerechnet hatte.

50,8 Prozent für Gerich

50,8 Prozent der Wiesbadener hatten Mitte März für Gerich votiert. Ein knappes Ergebnis, das dazu führte, dass die Union auch in der letzten hessischen Großstadt ihre Mehrheit einbüßte. Überhaupt gibt es in Hessen nur noch einen Oberbürgermeister, der von der Union gestellt wird. Gerhard Möller regiert in Fulda. Wochenlang war nach der Wahl in der Wiesbadener CDU darüber diskutiert worden, wie es statt zu dem sicher geglaubten Sieg zu dieser bitteren Niederlage kommen konnte. Als sicher gilt, dass der Streit in der Wiesbadener CDU eine gehörige Portion zu Helmut Müllers Abwahl beigetragen und dass seine Partei die Möglichkeit einer Stichwahl nicht einkalkuliert hatte. Zu siegessicher waren die Christdemokraten.

Eigentlich auch nicht zu Unrecht. Selbst Mitglieder der Opposition hatten Kämmerer Müller mehr als einmal bescheinigt, während seiner Amtszeit nicht viel falsch gemacht zu haben. Dass Wiesbaden finanziell gut aufgestellt ist, ohne Kassenkredite auskommt und gut aus der Finanzkrise herausgekommen ist, wird allgemein anerkannt. Selbst wenn doch manch einer Müller vorwirft, Wiesbadens Finanzen seien lediglich so gut, weil er zahlreiche Holdings, Gesellschaften und Eigenbetriebe gegründet habe. Müller hat viele Strippen gezogen. Er hat zahlreiche Projekte angestoßen, die die Innenstadt aufwerteten, sei es die Umgestaltung des Karstadt-Areals oder die Neugestaltung des Mauritiusplatzes. Er hat zahlreiche Großevents wie die Bambi-Verleihung und den Ball des Sports nach Wiesbaden geholt, um die Landeshauptstadt aufzuwerten. Sehr zum Ärger der politischen Gegner, die ihm dabei Verschwendung vorwarfen.

Einige Großprojekte hat Müller ebenfalls angepackt – mal mit mehr, mal mit weniger großem Erfolg. Während die Arbeiten an der 48 Millionen Euro teuren Sporthalle am Platz der Deutschen Einheit gut vorankommen, hakt es bei den Planungen zum Stadtmuseum, bei denen für die Rhein-Main-Hallen und bei der Ansiedelung der European Business School (EBS) an der Moritzstraße. Bei allen drei Projekten machten weder Müller noch die Mitglieder der großen Koalition eine gute Figur: Das Areal, auf dem das Stadtmuseum entstehen sollte, wurde mir nichts, dir nichts an einen Investor verkauft – um mit dem Geld Schulprojekte realisieren zu können, lautete die Begründung. Bei dem Neubau der Rhein-Main-Hallen wurde Bürgerbeteiligung versprochen, jedoch nicht eingehalten. Und ob die immer wieder für Negativ-Schlagzeilen sorgende und finanziell in Schieflage geratene EBS jemals an die Moritzstraße ziehen wird, ist immer noch unklar. Müller hatte bis Oktober in einem Gremium der vom Land geförderten Schule gesessen.

Der scheidende OB hatte stets große Ziele, die er hartnäckig und mit großem Ehrgeiz verfolgte. Er gilt als knallharter Verhandler und außerordentlich diszipliniert, was ihm nicht selten Kritik einbrachte. So kümmerte er sich nicht um den Widerstand, der ihn zur geplanten Städtepartnerschaft mit dem Istanbuler Stadtteil Fatih entgegen gebracht wurde – auch von seiner eigenen Partei. Kritisiert wurden vor allem die dort stattfindenden Menschenrechtsverletzungen. Doch Müller boxte sein Vorhaben durch. „Städtepartnerschaften können dazu beitragen, die Welt etwas friedlicher zu machen“, sagte er.

"Ausgesprochener Teamplayer"

Fragt man Sven Gerich, was er anders als Müller machen würde, antwortet er, er sei ein „ausgesprochener Teamplayer“. Bereits kurz nach der Wahl fing er an, die Umstrukturierung der Dezernate zu planen. So wird er als OB nicht zugleich Kämmerer der Landeshauptstadt sein, wie Müller es war. „So etwas gibt es in keinem Verein“, sagt Gerich. Der 38-Jährige weiß, dass er ein ordentlich geführtes Haus übernehmen wird. Aber er weiß auch, dass es in Wiesbaden noch zahlreiche offene Baustellen gibt und viel Arbeit auf ihn zukommen wird. Er will vor allem etwas für die Menschen tun, die am Rand der Gesellschaft leben. Er will die Stadt menschlicher machen, sagt Gerich. Und sich darüber hinaus in den Landtagswahlkampf einbringen. „Damit auch der Regierungswechsel in Hessen gelingt.“

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