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Eine perfekte Show für den ersten Auftritt des eCitaro in Wiesbaden.

Wiesbaden

Experiment für ganz Deutschland

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Mercedes-Benz soll die ersten 56 E-Busse und die komplette Infrastruktur für den Verkehrsträger liefern. 

Dramatische Musik, ein spannender Videoclip mit Wiesbadens technischen Meilensteinen seit dem 19. Jahrhundert, Kunstnebel vor dem Einfahrtstor. Aus der Präsentation des Elektrobusherstellers hat der Verkehrsträger Eswe in seiner Werkshalle gestern ganz großes Kino gemacht. „Wir sind am Ziel, in dem europaweiten Ausschreibungsverfahren hat es keinen Einspruch eines Bieters gegeben“, sagt Eswe-Verkehr-Geschäftsführer Frank Gäfgen den zahlreichen Zuschauern so, als hätte er sich die Performance dazu von US-amerikanischen IT-Riesen abgeguckt. „Wir erleben eine neue Zeitrechnung, wir sind erfolgreich und werden deutschlandweit beobachtet“, ruft er dem jubelnden Publikum zu.

Was Wiesbaden feiert, ist nicht nur eine einfache Auftragsvergabe. Es geht um die Umsetzung eines nachhaltigen Verkehrssystems, das so in Europa noch nicht verwirklicht wurde. Gäfgen spricht von „wegweisender Grundlagenforschung zum Thema Elektromobilität im ÖPNV“. Die Stadt hat sich das Ziel gesetzt, bis 2022 ihren öffentlichen Nahverkehr emissionsfrei zu führen. Elektrobusse gehören natürlich dazu. Aber wie werden sie geladen? Wie gewartet? Wer schult die Busfahrer? Und wie könnte ein Softwareprogramm die Planung übernehmen?

Der Hersteller, der nicht nur die Busse, sondern die Systeme liefern soll, die all diese Fragen beantworten, ist Mercedes-Benz. „Kaufen ist kein Problem, Betreiben ist die Herausforderung“, sagt Gäfgen, „wir kaufen das Gesamtsystem.“ In dem leise heranrollenden eCitaro sind nur strahlende Gesichter zu sehen. Neben Oberbürgermeister Sven Gerich (SPD) und Verkehrsdezernent Andreas Kowol (Grüne) steigt Ulrich Bastert, Marketingleiter von Daimler Buses, aus.

„Selten erlebt ein ÖPNV-Projekt solche Medienaufmerksamkeit“, sagt Bastert und wirkt ein wenig verwundert über die Kameras und Mikrofone, die ihm entgegengehalten werden. Über Livestream kann die Präsentation verfolgt werden. Später werden streamende Zuschauer Fragen stellen. Der Auftrag aus Wiesbaden über 56 eCitaro-Busse und die gesamte Infrastruktur sei der größte Einzelauftrag, berichtet Bastert. Mercedes-Benz werde „ganzheitliche Lösungen für die Elektromobilität liefern, den Betriebshof umbauen, die Lade-Infrastruktur und das Lademanagement einrichten“. Sogar das Umspannwerk auf dem Eswe-Gelände soll von Mercedes-Benz gebaut werden. „Wir versprechen uns weitere Anregungen, um unsere Busse und Gesamtsysteme noch besser zu machen“, so der Marketingleiter. Aber dies bleibe ein einmaliges Projekt, das mit anderen Kommunen nicht wiederholt werden solle.

Wiesbaden sieht sich als Vorreiterkommune, als Stadt, die Zukunft schreibt. „Ich bin heute ein glücklicher Mensch“, erklärt OB Gerich euphorisch, „wir tun etwas, was bundesweit einmalig ist.“ Im vergangenen Jahr sei er in Berlin noch ausgelacht worden, als er von den Plänen Wiesbadens berichtete, den emissionsfreien öffentlichen Nahverkehr einzuführen. „In Berlin lacht heute niemand mehr, man glaubt an uns. Eine Vision wird Realität.“ Nach diesen ersten 56 E-Bussen sollen die restlichen der 220 Eswe-Busse auf Elektrobetrieb umgestellt werden. Gerich erwartet durch die Trendsetter-Funktion einen wirtschaftlichen Aufschwung. Möglich sei dies durch „ein innovatives Ausschreibungsverfahren“ geworden, sagt Kowol. Die Industrie hatte die Lösungen für die Probleme des elektromobilen öffentlichen Nahverkehrs noch nicht im Angebot. Eswe-Verkehr entwickelte daher gemeinsam mit den Herstellern die Anforderungen. Der ehrgeizige Zeitplan der Wiesbadener verzögerte sich dadurch; eigentlich sollten 2019 schon 50 E-Busse fahren.

Für Kowol, in diesen Wochen ein Mann im Glück, weil er durch die zahlreichen Verkehrswendeprojekte das Dieselfahrverbot verhindern konnte, ist die leichte Verspätung kein Drama. „Das ist die Stunde null für den emissionsfreien ÖPNV“, ruft er froh ins Mikro. Geholfen habe die finanzielle Unterstützung aus dem Bundesumweltministerium. Von der Diesel-Milliarde, die Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) im Herbst 2017 versprochen hatte, sei indes noch nicht viel angekommen. Die Landeshauptstadt investiere insgesamt über 200 Millionen Euro in die Umstellung des Busverkehrs. Kowol sagt: „Städte, die sich jetzt nicht auf den Weg machen, ihren ÖPNV umzurüsten, werden bald das Nachsehen haben.“

Hintergrund 

Die ersten 15 eCitaro-Bussefür Wiesbaden erhalten die Lithium-Ionen-Batterien der aktuellen Generation mit einer Gesamtkapazität von 292 Kilowattstunden. Die weiteren 41 eCitaro werden mit einer neuen Batteriegeneration, mit Feststoffbatterien, ausgestattet, die 441 Kilowattstunden erbringen. Mit ihnen soll der Bus auch im Winter 200 Kilometer zurücklegen können, wenn er den Fahrgastraum heizt.

Das Bundesumweltministeriumunterstützt den Kauf der E-Busse mit einer Förderung von 80 Prozent des Mehrpreises im Vergleich zum Diesel- Antrieb. Wiesbaden erhält für seine ersten 56 Busse 14,5 Millionen Euro. Mit der Lade-Infrastruktur, die mit 40 Prozent gefördert wird, kommen die Kosten auf 51 Millionen Euro. Die Landeshauptstadt hat für die ersten 56 Busse 35 Millionen Euro bereitgestellt. Ein E-Bus kostet bis 2,5 Mal so viel wie ein Dieselbus.

Wiesbaden möchtebis 2022 seine gesamte Flotte auf E-Mobilität umstellen. Die Anschaffung der 220 E-Busse und der Bau der Infrastruktur werden mit 200 Millionen Euro veranschlagt. Wie viel davon durch Bund oder Land gefördert wird, steht noch nicht fest.

Die ersten zehn eCitaro-Bussesollen 2019 geliefert werden, je fünf im Oktober und im November. Der Rest der ersten Bestellung soll 2020 auf Wiesbadens Straßen rollen. Mercedes-Benz kann die Gelenkbusse erst ab 2021 liefern.

Das Lademanagementsteuert das Unternehmen IVU Traffic Technologies, ein Spezialist für IT-Lösungen, bei. Es soll jedem Bus einen definierten Ladepunkt zuweisen.Das smarte Lademanagement soll alle Busse mit der notwendigen Strommenge laden und für die notwendige Temperierung von Batterie und Fahrgastraum sorgen. Reparatur und Wartung sollen durch Taunus Auto Verkauf AG erfolgen.

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