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Ex-AWO-Chefin räumt vor Gericht Versäumnisse ein

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Von: Madeleine Reckmann

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Mehrere Menschen sollen Scheinarbeitsverhältnisse bei der AWO-Wiesbaden gehabt haben.
Mehrere Menschen sollen Scheinarbeitsverhältnisse bei der AWO-Wiesbaden gehabt haben. © Renate Hoyer

Hannelore Richter entlastet die Beschuldigten im Scheinarbeitsprozess. Wegen ihres Helfersyndroms habe sie Lösungen für die Probleme anderer gesucht. Es bleiben offene Fragen.

Der Angeklagte Wolfgang Gores habe nie Druck ausgeübt, sie nie um einen Gefallen gebeten und sei in die Details der Studienaufnahme seiner Tochter nie eingebunden gewesen, versichert die frühere Geschäftsführerin der Wiesbadener Arbeiterwohlfahrt (AWO), Hannelore Richter. In dem Amtsgerichtsprozess um Anstiftung und Beihilfe zur Untreue bei der AWO Wiesbaden entlastet die 63-Jährige die beiden Angeklagten auf ganzer Linie. Der ehemalige CDU-Politiker Gores und seine Tochter stehen vor Gericht, weil laut Staatsanwaltschaft der Vater seiner Tochter bei der AWO einen Job besorgt haben soll, für den sie insgesamt 53 000 Euro netto kassierte, aber nicht zu arbeiten brauchte.

Ratschläge für den Umgang mit Geflüchteten erwartet

Die Idee, dass die damals 30 Jahre alte Tochter als wissenschaftliche Mitarbeiterin in der AWO-Flüchtlingshilfe in Frankfurt arbeiten könne, stamme von ihr selbst, berichtet Richter in ihrer resoluten und ausschweifenden Art. Für sie ist es das vierte Verfahren, in dem sie als Zeugin oder Prozessbeteiligte aussagt. Richter wirkt gefestigt und routiniert, auch, wenn sie über eigene Fehler spricht. Wolfgang Gores, mit dem sie nicht befreundet aber bekannt sei, habe ihr von seinen Sorgen um den beruflichen Werdegang der Tochter erzählt. Als sie gehört habe, dass die Ethnologin keine passende Stelle fand, sei ihr der Gedanke gekommen, sie in der Flüchtlingsarbeit einzusetzen. Mit den 2015 und 2016 Geflüchteten seien ihre Mitarbeiter:innen oft überfordert gewesen. Als Beraterin hätte die Tochter auch von Berlin aus, wo sie wohnte, gute Dienste leisten können. Sie habe von ihr Ratschläge über den Umgang mit jungen Männern aus anderen Kulturen erwartet.

Paradigmenwechsel bei der Stadt Frankfurt

Dass sie ihr nach Vertragsschluss trotz wiederholter Nachfrage der Tochter keine Arbeit zuwies, bezeichnet Richter als Versäumnis. „Das ist meine offene Flanke“, gesteht sie ein. Ein Fehler, der ihr wegen des „Paradigmenwechsels“ in der Frankfurter Flüchtlingspolitik unterlaufen sei. 2017 habe ein neuer Mitarbeiter die Stabsstelle Flüchtlingshilfe übernommen; die Stadt habe weniger Geld bereitgestellt. Es sei „drunter und drüber“ gegangen. Sie sei so mit Finanzierungsfragen beschäftigt gewesen, dass sie Gores’ Tochter vergessen habe. Dass sie der Tochter zuvor eine Bescheinigung über eine zehnjährige ehrenamtliche Tätigkeit in der Schülerhilfe und im Frauenhaus ausstellte, obwohl es die nie gegeben hatte, begründet Richter mit ihrem „medizinisch bestätigten Helfersyndrom“. „Ich bin der Ansicht, dass jeder Mensch eine zweite und dritte Chance verdient. Dabei habe ich Grenzen überschritten“, gibt sie zu.

Falsche Bescheinigungen

Die Tochter benötigte die Bescheinigung, um ihr Online-Studium in Sozialer Arbeit an der Hochschule Rhein-Main aufnehmen zu können. Auch um diese Bescheinigung sei nicht explizit gebeten worden. Als Mitglied im Prüfungsausschuss der Hochschule wisse sie, was nötig sei, versichert sie. Auf die Frage des Amtsrichters, ob sie denn öfter falsche Bescheinigungen ausgestellt habe, antwortete die Ex-Geschäftsführerin: „Nicht am Fließband, vielleicht ein oder zwei Mal in 40 Jahren Tätigkeit.“ Bedenken, der Tochter eines Kriminalbeamten eine „blumig erfundene“ Bestätigung auszuhändigen, wie der Richter es formuliert, seien ihr nicht gekommen. Sie habe oft Menschen geholfen, wenn sie Geld brauchten, „vielleicht auch mit Mitteln, die nicht in Ordnung waren“.

Arbeitsvertrag entfristet

Allerdings weist Richter auch Erinnerungslücken auf. Warum der Arbeitsvertrag mit Gores’ Tochter 2017 nach sechs Monaten entfristet wurde, obwohl sie keine Aufgabe für sie hatte, bleibt ohne schlüssige Antwort. Ebenso unklar ist, warum der Arbeitsvertrag 2019, als es keinen Kostenträger für Flüchtlingsarbeit mehr gab, nicht aufgelöst, sondern das Gehalt gekürzt wurde.

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