Ein Ort, um in Ruhe zu weinen

Vor 25 Jahren öffnet das erste Frauenhaus

Von Gesa Fritz

Das erste, was man in den Wiesbadener Frauenhäusern der Arbeiterwohlfahrt (AWO) und der Diakonie lernen kann, ist dies: Es gibt nicht „den“ Typ Frau, der geschlagen und gedemütigt wird. Treffen kann es jede. Hier findet die 18-jährige Abiturientin ebenso Unterschlupf wie die 64-jährige Migrantin. Und er lässt sich nicht benennen, jener Punkt an dem es den Frauen endgültig reicht und sie sich entscheiden, zu gehen. Mal sind plötzlich auch die Kinder in Gefahr. Mal ist es der letzte Schlag, der die Rippen brechen ließ.

Gemeinsam ist ihnen, dass sie ihr altes Leben verloren haben. Und dass sie dringend zumindest etwas Privatsphäre brauchen. Einen Raum, in dem sie sich sicher fühlen. Mit einer Tür, die sie hinter sich zuziehen können.

Dieser Raum fehlte bislang im Frauenhaus der Diakonie. Nur eine provisorische Stellwand, die weit unterhalb der Altbaudecke endete, hat dort die großen Zimmer in jeweils zwei Bereiche unterteilt. Das Licht in der Nacht, die Schlafgeräusche der Fremden aus dem anderen Teil des Raumes waren vielleicht noch das kleinere Übel. „Die Frauen konnten nicht einmal unbelauscht weinen“, sagt Eva Boscheck, Leiterin des Frauenhauses. Eine Spende der Paulinenstiftung über 34000 Euro hat jetzt den Umbau möglich gemacht. Dem Haus fehlt es – wie so vielen sozialen Einrichtungen – an Geld.

Vor 25 Jahren hat das erste Frauenhaus in Wiesbaden geöffnet. Heute gibt es in den beiden Einrichtungen insgesamt 18 Zimmer für Frauen mit ihren Kindern. Und selten steht ein Raum länger als ein paar Tage leer.

Die Frauen kommen hier in überstürzten Nacht-und-Nebel-Aktionen an. Mit nichts als den Kleidern, die sie am Leib tragen. Immer in Angst, dass ihr Mann sie doch verfolgt. Oder sie kommen – von langer Hand geplant – mit gut sortierten Koffern und einem festen Plan, wie es weitergehen soll. Der Ort, an dem die Häuser stehen, ist geheim.

Im Frauenhaus erwartet sie das Leben einer Wohngemeinschaft. Die Frauen und Kinder teilen sich Wohnzimmer, Bad, Klo und Küche. Das bringt oft Schwierigkeiten, sagt Boscheck. Die unterschiedlichsten Essensbräuche, Erziehungsstile und Sauberkeitsvorstellungen treffen aufeinander. Den Frauen fehlt es in ihrem Leid oft an Kraft, sich auf andere einzulassen. Manchmal entstehen aus der gemeinsamen Not auch tiefe Freundschaften.

Ziel der Frauenhäuser ist es, den Frauen wieder ein eigenständiges, angstfreies Leben zu ermöglichen. Dazu werden sie bei Behördengängen, der Suche nach einer neuen Wohnung oder der Klärung rechtlicher Fragen unterstützt. Im Schnitt leben die Frauen laut Diakonie 50 Tagen hier. Manche Frauen bleiben nur eine Nacht, andere ein Jahr. Maßgeblich ist das, was die Frauen für sich persönlich für richtig halten.

Für etwas mehr als zehn Prozent der Frauen führt der Weg zurück zu ihren schlagenden Partnern. Manche kommen dann irgendwann wieder ins Frauenhaus.

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