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Iris Bochnia (links) und Heidi Ternes bei der Probe zum Stück "Ich bin Marie und so seh ich die Welt"

Thalhaus-Theater

Mit dem Herzen sehen

Mit einem neuen Stück feiert das Theater Zeitlos sein zehnjähriges Bestehen. Vorlage: Die weltberühmte Geschichte vom kleinen Prinzen. Doch in der Wiesbadener Aufführung ist ein Mädchen unterwegs von Planet zu Planet.

Von Jan Paulin

Im Bühnenraum des Thalhaus-Theaters herrscht reger Betrieb. Helfer stellen die Kulisse für die nächste Szene, ein Techniker regelt am Mischpult das Licht,eine Musikerin stimmt auf dem Akkordeon die ersten Takte eines Walzers an. Dazwischen schallen Regieanweisungen durch den kleinen Saal. Was wie eine ganz normale Probe für eine Theateraufführung wirkt, ist für die Schauspieler auf der Bühne etwas ganz Besonderes. Fast alle von ihnen sitzen im Rollstuhl und sind geistig, psychisch oder körperlich beeinträchtigt.

„Ich bin Marie. Und so seh´ ich die Welt“ heißt das neue Theaterstück, das die Gruppe „Zeitlos“ gerade einstudiert. Es erzählt von Marie, gespielt von Agnes Tillmann, die auf der Suche nach ihrer geliebten Blume unterschiedliche Gestalten und Charaktere auf fremden Planeten trifft. Das moderne Märchen „Der kleine Prinz“ von Antoine de Saint-Exupéry ist die literarische Vorlage dafür. „Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar“, lautet die bekannteste Textstelle aus dem Buch des französischen Schriftstellers. Die zwölf Schauspieler der Gruppe, von denen die meisten im Wohnpflegehaus des evangelischen Vereins für Innere Mission in Wiesbaden leben, sehen das genau so.

„Für mich ist das Wesentliche meine Familie“, sagt Schauspielerin Johanna Griesfeller, die zum festen Kern der Theatergruppe gehört. Alle haben beim Erarbeiten des Skripts darüber gesprochen, welche Dinge für sie das Wichtigste sind. „Die gemeinsame Arbeit an unseren Stücken hilft den Mitwirkenden, zu sich selbst zu finden oder Traumata zu verarbeiten“, erklärt die Tanztherapeutin und Regisseurin des Stücks, Katharina Weil. „Denn manchmal sind die Lebensgeschichten der Schauspieler mit schweren Schicksalsschlägen verbunden.“

Seit zehn Jahren gibt es „Zeitlos“ nun schon. Mit großem Respekt hat sie beobachtet, wie sich in dieser Zeit mehr Eigenständigkeit, Selbstverantwortung und Selbstbewusstsein in der Gruppe entwickelt hat, sagt Weil. „Früher habe ich mich beim Sprechen oft verhaspelt und verheddert“, ergänzt Schauspielerin Griesfeller, der das Sprechen aufgrund ihrer Behinderung schwer fällt. „Heute passiert mir das nicht mehr.“ Stolz ist sie darauf, dass sie selbst vor den Auftritten überhaupt kein Lampenfieber hat.

Das geht nicht allen Gruppenmitgliedern so. Seit einem Dreivierteljahr treffen sie sich montags für eineinhalb Stunden im Wohnpflegehaus, um das Stück gemeinsam mit der Regisseurin und der Musiktherapeutin Ursula Senn zu erarbeiten. Senn begleitet die Szenen auf dem Akkordeon. „Die letzten Stücke haben wir komplett mit Musik untermalt und gestaltet, jetzt ist der Sprechanteil der Schauspieler höher“, sagt Weil. Das Thalhaus stellt wie in den gesamten zehn Jahren seine Räume für die Endprobe.

Am Freitag, 1. Oktober, 20 Uhr und am Sonntag, 3. Oktober, 17 Uhr, ist das Theaterstück im Thalhaus-Theater, Nerotal 18, zu sehen. Der Eintritt kostet sieben Euro.

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