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Mit Essen spielt man nicht

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Guten Appetit: Andreas Petzold kreiert Kunst aus Lebensmitteln.
Guten Appetit: Andreas Petzold kreiert Kunst aus Lebensmitteln. © Michael Schick

Oder doch? Der Wiesbadener Künstler Andreas Petzold ist Spezialist für „Eat-Art“ – und provoziert gern. „Ich bringe Menschen gerne durcheinander“, sagt der 62-Jährige.

Von Bastian Beege

„Herr Petzold, warum sind Künstler eigentlich so verrückt?“ – „Sie sprechen von Zeitgenossen wie mir?“ – „Ähm, ja.“ Andreas Petzold zieht die Stirn in Falten. „Sagen wir, ich habe eine besondere Sichtweise auf die Welt. Mein ausgeprägter Akustik-, Seh- und Geschmackssinn führt dazu, dass ich Dinge auf spezielle Weise nach außen darstellen kann.“ Dabei gehe es ihm nicht um gewöhnliche Gemälde an der Wand. „Vielmehr entwickle ich Inszenierungen und Abläufe.“

Der Blick wandert durch das vollgestopfte Atelier des 62-Jährigen im Rheingauviertel – und bleibt an einer Reihe von mit Zeitungspapier beklebten Flaschen hängen: „Hier habe ich den kompletten Feuilletonteil der FR in 16 Flaschen verarbeitet“, erläutert Petzold. Aha. Eine andere Weinflasche beherbergt einen Haufen Schnipsel. „Sie sehen den zerstückelten Artikel eines Weinkritikers – anders ausgedrückt: Dessen ganze Energie befindet sich in der Flasche.“ Verrückt. Oder besser gesagt: Welch besondere Sichtweise auf die Welt.

Doch Andreas Petzold kramt schon das nächste Objekt aus seinem künstlerischen Absurditätenkabinett hervor, eine Sardinen-Büchse, um genau zu sein. Bedruckt ist sie mit einer Foto-Grafik. „Bei mir werden Lebensmittel zur Leinwandfläche. Und Sie können das Objekt nun an die Wand hängen – oder eben essen.“ Petzold lacht, als er sich der Ironie bewusst wird: „Sie verspeisen sozusagen meine Kunst.“

Am liebsten provoziert er

Überhaupt dreht sich bei dem Wiesbadener Urgestein vieles ums Essen und Trinken, genannt „Eat-Art“. Und wenn er damit provozieren kann, umso besser. „Klar, ich bringe Menschen gerne durcheinander.“ Zum Beispiel in der Bergkirche, als er Bilder übers „Abendmahl“ an die Wand projiziert – und letzteres außerdem zubereitet sowie den Besuchern auf Plastiktellern serviert hatte. Manch einer sei äußerst irritiert gewesen, erinnert sich Petzold grinsend. „Bei mir muss der Betrachter stolpern und seine Wahrnehmung überprüfen.“

Andreas Petzold ist ein Querdenker. Einer, der gern unkonventionelle Wege geht. Vor einem Jahr verließ er die Abendrealschule in Richtung Ruhestand. 30 Jahre lang hatte er diese als Rektor geleitet, mit seinen Schülern regelmäßig gekocht. In den Ferien half er regelmäßig in den Küchen von Edelrestaurants aus – um sich Inspirationen zu holen, wie er sagt. „Bewaffnet war ich dabei stets mit meinem Zeichenblock.“ Schnell war ein filetierter Fisch zu Papier gebracht und mit Olivensaft farblich aufgepeppt.

Ein Querdenker, dem es mit seiner Kunst nicht um Geld, sondern um öffentliche Diskussionen geht: „Sie werden lachen, aber vor einiger Zeit bekam ich von der Stadt eine Bürgermedaille für demokratisches Handeln.“ Lebendige Kunst im Sinne von Demokratie und Verständigung.

Dazu passt auch eines seiner neuesten Projekte, bei dem der Betrachter selbst zu einem Teil des Kunstobjekts wird. „Meet the Germans“ heißt die Initiative, bei dem Besucher ein typisch deutsches Gericht serviert bekommen – an Petzolds hauseigener Gästetafel. „Die Idee ist es, ausländische Wiesbaden-Besucher an den Tisch zu bekommen und bei einem guten Essen darüber zu reden, was uns verbindet.“

„Ich bin ein Unikat“

Seit er im Ruhestand weilt, hat Andreas Petzold viel Zeit für die Umsetzung seiner Ideen. Fertige Produkte werden an verschiedenen Orten ausgestellt, manchmal verkauft. Die meiste Zeit des Tages verbringt er indes mit Nachdenken und dem Entwerfen von Skizzen. „Manchmal muss ich aufpassen, dass ich überhaupt das Tageslicht sehe“, gibt er zu.

Zum Abschluss des Gesprächs rutscht die Frage doch noch einmal heraus: „Herr Petzold, sind Sie ganz sicher nicht verrückt?“ – „Nein, denn meine Frau sorgt stets dafür, dass ich die Realität nicht verliere.“ Stets bringe sie ihn auf die Spur zurück. „Einigen wir uns doch darauf: Ich bin ein Unikat.“

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