1. Startseite
  2. Rhein-Main
  3. Wiesbaden

Erinnerung an eine starke Frau

Erstellt: Aktualisiert:

Kommentare

Sie wollte selbstbestimmt leben: 2009 wurde Nurdan Eker von ihrem Ex-Mann ermordet.
Sie wollte selbstbestimmt leben: 2009 wurde Nurdan Eker von ihrem Ex-Mann ermordet. © Diefenbach

Nurdan Eker wurde 2009 ermordet. Ihr Mann tötete sie, weil sie nicht nach den lebensfeindlichen Gesetzen eines chauvinistischen Islam leben wollte. Nun soll das Frauenhaus der Arbeiterwohlfahrt in Wiesbaden ihren Namen tragen.

Von Jana Kinne

Vom Dunklen ins Helle ist sie gegangen und wieder zurück: Nurdan Eker, noch immer ist ihr Name vielen Wiesbadenern präsent. Wach ist die Erinnerung an die 31-jährige Frau, die von ihrem Ex-Mann im September 2009 ermordet wurde.

Vor zwei Jahren wanderte dieser dafür lebenslang ins Gefängnis. Der Fall hatte Wiesbaden tief bewegt, zu einer Welle der Solidarität mit Nurdans Kindern geführt, die bis heute anhält. Nun soll das Frauenhaus der Arbeiterwohlfahrt (AWO) nach Nurdan Eker benannt werden.

„Sie war unglaublich stark und hat anderen Frauen Mut gemacht“, sagt die Geschäftsführerin der AWO Wiesbaden, Hannelore Richter. Das Frauenhaus nach ihr zu benennen, soll helfen, dass ihr Schicksal nicht vergessen werde. „Wir planen gerade eine Feier und wollen auch Nurdans Kinder und ihre Mutter dafür nach Wiesbaden einladen“, sagt Richter. In etwa zwei Monaten werde es soweit sein.

Hannelore Richter kannte die junge Türkin, hatte sie ein Stück weit begleitet auf ihrem Weg in ein freies, selbstbestimmtes Leben. Nurdan Eker war vor ihrem despotischen Mann ins Frauenhaus der AWO geflohen. Geschlagen und misshandelt hatte er sie und ihre Töchter.

Was anderes für die Kinder

Die beiden Mädchen leben nun in der Türkei, genauer gesagt in Sivas, Ostanatolien. Mit ihrer Großmutter teilen sie sich eine kleine Mietwohnung. 14 und 15 sind sie mittlerweile – junge Frauen. Kinder waren sie, als ihre Mutter starb. Die Mädchen hatten sie in ihrer Wohnung im Wiesbadener Westend gefunden, getötet mit 56 Messerstichen. Kurz zuvor erst hatte Nurdan Eker die Wohnung gemeinsam mit ihren Kindern bezogen. Allein, selbstständig, ohne den Ex-Mann.

Für ihre Kinder hatte sich Nurdan Eker ein anderes Leben gewünscht. Sie sollten Abitur machen, studieren, unabhängig sein. Das erreichen, was der Mutter nicht möglich gewesen war. Nur fünf Jahre lang hatte Nurdan Eker die Schule besuchen dürfen. Ihr Vater hatte es ihr nicht länger erlaubt. Seine Schläge waren für Nurdan Eker schon früh alltäglich.

Mit 16 hatte Nurdan Eker in der Türkei geheiratet. Ihre zwei Töchter hatte sie mit ihrem ersten Mann bekommen. Glücklich sei sie damals gewesen, erzählt Richter. Doch Nurdan Ekers erster Mann, ihre große Liebe, starb als sie 21 war. Nurdan Eker musste daraufhin erneut heiraten. Dem Sohn ihres Stiefvaters wurde sie angetraut, der in Deutschland lebte. Vor ihm floh sie, als die Schläge und Misshandlungen unerträglich wurden, als er sich nicht mehr nur an ihr, sondern auch an ihren Töchtern verging.

„Damla und Seyda haben unerträglich viel mitgemacht“, sagt Döndü Yazgan, Migrationsbeauftragte beim Polizeipräsidium Westhessen. Sie selbst ist weiterhin mit der Familie in Kontakt, schickt immer wieder Geld nach Anatolien, das die AWO, die ehemaligen Klassenkameraden oder die Aktion „Ihnen leuchtet ein Licht“ für die Mädchen gesammelt haben. „Es ist unglaublich, welch breites Hilfsbündnis sich für die Mädchen formiert hat“, sagt Polizeipräsident Robert Schäfer. Man sei in der Gründungsphase für einen Förderverein, berichtet Hannelore Richter.

Ein Laptop, um in Kontakt zu bleiben

„Die Großmutter hat nur eine kleine Rente, von ihrem Mann hat sie sich nach der Ermordung Nurdans getrennt, das finanzielle Überleben mit den Enkeltöchtern ist schwierig“, erzählt Yazgan. Mit der Hilfe aus Wiesbaden können Damla und Seyda weiter in die Schule gehen. Von dem ersten Geld, das sie überwiesen bekamen, haben sie einen Laptop gekauft, durch den sie mit ihren Freunden in Kontakt bleiben.

„Wir vermissen Wiesbaden“, erzählen die Mädchen in einer Videokonferenz. Schwer war die Eingewöhnung in der Türkei. Mittlerweile hätten sie sich jedoch eingefunden, seien gut in der Schule und wollten später studieren, erzählt Döndü Yazgan.

Nurdan Eker hatte sich gewünscht, dass die Mädchen in Wiesbaden aufwachsen, weiß die Migrationsbeauftragte. Doch nach der Beerdigung der Mutter durften die Kinder nicht mehr aus der Türkei ausreisen, sie blieben bei ihrer Großmutter. „Es geht ihnen gut dort, ihre Großmutter ist eine starke Frau, die sich vor die Mädchen stellt und sie verteidigt“, sagt Yazgan.

Nun sollen alle drei die Möglichkeit bekommen, wenigstens für kurze Zeit nach Wiesbaden zu kommen und noch einmal Abschied zu nehmen. „Für uns ist es so, als ob unsere Mutter im Frauenhaus weiterlebt, wenn es ihren Namen trägt“, sagen Damla und Seyda.

Auch interessant

Kommentare