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Ende eines preisgekrönten Projekts

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Hinter dem Stacheldrahtzaun der JVA leben die Mitarbeiter des Projekts.
Hinter dem Stacheldrahtzaun der JVA leben die Mitarbeiter des Projekts. © Michael Schick

Das Präventionsprogramm „Knast trotz Jugendhilfe?“ ist Thema eines Streits zwischen JVA und Projektleitung. Der geht soweit, dass das erfolgreiche Wiesbadener Projekt nach zwölf Jahren beendet wurde.

Von Jana Kinne

Es war etwas Besonderes: Junge Strafgefangene der JVA Holzstraße kommen selbst zu Wort, schreiben nieder, warum sie im Knast gelandet sind und geben anderen Jugendlichen Ratschläge für ihren Lebensweg. Vielfach wurde das Wiesbadener Projekt ausgezeichnet, nun wird es nach zwölf Jahren nicht mehr fortgeführt. „Der Grund ist ein Dissens mit der Anstaltsleitung“, sagt Arnd Richter, der das Projekt ins Leben rief und leitete.

Das Herzstück des Projektes waren Briefe von Gefangenen, in denen diese über ihren Lebensweg berichten. Das Projekt wurde erst Anfang November vom „Bündnis für Demokratie und Toleranz – gegen Extremismus und Gewalt“ für sein „vorbildliches und nachahmenswertes zivilgesellschaftliches Engagement“ ausgezeichnet. Die Texte gab Arnd Richter Schülern ab der achten Klasse zu lesen. Diese schrieben anonyme Antworten. Beim „Tag der Jugend im Rathaus“ wurden die Briefe gelesen, bei der Jugendhilfe wurden sie gezeigt und beim Deutschen Präventionstag präsentiert.

Zu großer Entwicklungsunterschied

Zwölf Jahre lang ging das so, bis die JVA-Leiterin Hadmut Birgit Jung-Silberreis Projektleiter Arnd Richter schriftlich aufforderte, die Briefe der Inhaftierten nur noch an volljährige Schüler weiterzugeben.

Anstaltsleiterin Hadmut Birgit Jung-Silberreis erklärt ihre Anweisung damit, dass ein zu großer Entwicklungsunterschied zwischen den Jugendlichen und den Gefangenen geherrscht habe. Immerhin seien die Häftlinge meist 20 Jahre oder älter. „Zudem habe ich in den Briefen so etwas wie Bewunderung der Schüler für die Gefangenen bemerkt“, sagt Jung-Silberreis. Deshalb habe sie eine Altersbeschränkung gefordert. „Ich habe Herrn Richter angeboten, diese auf 16 Jahre festzusetzen, doch auch das hat er abgelehnt“, sagt die Anstaltsleiterin. „Mir wurde die inhaltliche Grundlage meiner Arbeit entzogen“, begründet Richter seine Entscheidung, das Projekt zu beenden. Es habe vorher nie Probleme gegeben, die Briefe seien immer vom Sozialdienst der Anstalt kontrolliert worden. Zudem sei gerade die Arbeit mit Jüngeren wichtig, um Präventionsarbeit leisten zu können. „Die kriminelle Laufbahn beginnt oft schon, wenn die Jugendlichen elf oder zwölf Jahre sind“, sagt der Pädagoge.

178 Botschaften

Richter bedauert das Ende seines Projekts. „Die Schüler seien immer sehr an den Erfahrungen der Gefangenen interessiert gewesen“, erinnert er sich. Auch die inhaftierten Projektmitarbeiter seien motiviert gewesen, ihre Erfahrungen weiterzugeben. Es gab sogar Wartelisten für die Teilnahme am Projekt.

Die müssen nun aufgelöst werden, denn Arnd Richter hat sich schon von den sieben Häftlingen, die zuletzt im Projekt mitarbeiteten, verabschiedet. Insgesamt hat Richter in seiner Zeit in der JVA rund 200 Häftlinge betreut und 178 Botschaften gesammelt, die er nun weiter verwenden will, um sein Projekt nicht ganz sterben zu lassen.

Dokumentation aus den Briefen

In Frankfurt will der Pädagoge in Zukunft gemeinsam mit erwachsenen Strafgefangenen arbeiten. Sein Plan ist es, in Zusammenarbeit mit den Inhaftierten eine Dokumentation aus den Briefen der Jugendlichen zu erstellen. Nach dem Willen Richters soll sie an Schulen für Präventionsprojekte genutzt werden.

Stadtverordnetenvorsteher Wolfgang Nickel (CDU), der für den „Tag der Jugend im Rathaus“ verantwortlich ist, bedauert das Ende von Richters Engagement in Wiesbaden. „Das Projekt war gut und hat Wirkung gezeigt“, sagt Nickel. Ganz will er sich noch nicht mit der Entscheidung abfinden. „Ich werde das Gespräch mit Herrn Richter suchen und versuchen das Projekt für die Stadt zu erhalten“, verspricht er.

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