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"Einfach winken und rufen"

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Wolfgang Florreich, Vorsitzender des CV Bierstadt.
Wolfgang Florreich, Vorsitzender des CV Bierstadt. © Schick

Zehntausende Narren übernehmen für wenige Tage in Wiesbaden das Regiment. Wolfgang Florreich, Vorsitzender vom CV Bierstadt, spricht im FR-Interview über Kamellen und den Knatsch mit der Dacho.

Zehntausende Narren übernehmen für wenige Tage in Wiesbaden das Regiment. Wolfgang Florreich, Vorsitzender vom CV Bierstadt, spricht im FR-Interview über Kamellen und den Knatsch mit der Dacho.

Herr Florreich, der Carneval Verein Bierstadt feiert in diesem Jahr sein 111-jähriges Bestehen. Bedeutet das, es gibt auch besonders viele Kamelle beim Umzug zu fangen?

Wenn das Wetter und die Stimmung gut sind, dann gibt es auch mehr zu fangen, denke ich.

Es heißt, in Köln lohne es sich für Zuschauer des Karnevalsumzugs, mehrstimmig „Willi, Willi“ zu rufen, um viele Kamellen zu ernten, denn auf den Wagen sei immer irgendein Willi dabei. Welchen Tipp haben Sie denn für die Wiesbadener Bonbonjäger?

Nicht so aufdringlich zu sein, sondern einfach freundlich hoch zu winken und Helau zu rufen, dann bekommt man auch etwas. Manche Leute schubsen ja die kleinen Kinder weg, um an ein Bonbon zu kommen.

Mit welchem Motivwagen ist der CV Bierstadt beim Fastnachtsumzug am Sonntag dabei?

Unser Wagen ist die nostalgische Straßenbahn aus den 1920er Jahren. Die haben wir zum 100-jährigen Bestehen gebaut und sind damit einige Jahre beim Zug mitgefahren, danach hat sie für drei Jahre pausiert. Außerdem ist unser Showballett als Fußtruppe dabei.

Was ist für Sie das Schönste an der Fastnacht?

Dass es am Aschermittwoch wieder vorbei ist. Dass wir eine fünfte Jahreszeit haben und nicht das ganze Jahr über aktiv sein müssen, sondern uns geballt auf drei, vier Wochenenden vorfreuen und dann auch alle zupacken.

Der CV Bierstadt zählt zu den ältesten Karnevalsvereinen in Wiesbaden. Wie sieht es denn beim Nachwuchs aus?

Wir haben jetzt 115 Mitglieder, hatten aber einmal weit über 200. Das Durchschnittsalter beträgt etwa 40 Jahre. Der harte Kern sind 35 Aktive, die sind im Schnitt jünger, etwa um die 30 Jahre alt. Wir haben ein kleines Kinderballett und ein Showballett mit zehn Damen. Ich werde in diesem Jahr den Vorsitz niederlegen, mein Nachfolger wird mein derzeitiger Stellvertreter. Für sein Amt sind einige von den Jüngeren im Gespräch. Ich gehe, weil ich es 13 Jahre gemacht habe und denke, wenn die Jugend Engagement zeigt, sollte man ihr auch sofort die Bahn frei machen und nicht warten, bis man sie vergrault hat, weil man sie nicht ranlässt.

Kennen Sie eigentlich noch Geschichten aus der Anfangszeit?

Der Carneval Verein Bierstadt entstand 1933 aus den Vereinen „Die Käwwern“ und dem „MGV 1883“. Damals sollte es von Staats wegen nicht länger mehrere Vereine nebeneinander geben, da wurden die fusioniert. Leider haben wir keine Unterlagen mehr aus der Zeit.

Wie viele Zuschauer kommen heutzutage zu den Sitzungen?

In den 1960er und 1970er Jahren kamen zu drei Sitzungen insgesamt mehr als tausend Besucher, Mitte der 1990er hatten wir noch 800 Zuschauer, es wurden aber von Jahr zu Jahr immer weniger. Heute kommen 180 bis 200.

Der Verein ist in der Dachorganisation Wiesbadener Karneval (Dacho) organisiert. Da gibt es jetzt Knatsch. Was sagen Sie denn dazu?

Die Dacho ist hauptsächlich für den Zug zuständig und macht natürlich auch eine große Prunksitzung, was manchen nicht gefällt. Doch macht sie die ja nicht erst seit heute, sondern schon länger. Und nur weil die Vereine ihre eigenen Säle nicht mehr voll bekommen, wird jetzt Unmut laut. Das sollte man aber nicht über die Zeitung austragen, dafür gibt es Hauptversammlungen, um darüber zu sprechen.

Ein Vorwurf an die Dacho lautet, diese grabe den kleinen Vereinen die Sponsoren ab.

Das ist normal, im Breitensport oder im Fußball ist es genauso. Da muss man halt versuchen, seine eigenen Sponsoren zu suchen. Das ist schwierig, aber man kann sich nicht hinsetzen und sagen, die haben uns alles weggenommen. Es gibt viele Möglichkeiten für kleine Sponsoren, man muss halt die Erwartungshaltung etwas herunterschrauben.

An welche Möglichkeiten denken Sie dabei?

Man kann Sponsoren während der Saalveranstaltung Werbung machen lassen oder sich von ihnen Wurfmaterial geben lassen. Wir verzichten sogar auf das Liederheft, denn das ist nur ein Anzeigenfriedhof und bringt den Sponsoren gar nichts. Unser Verein erwirtschaftet die Kosten für die Veranstaltungen durch kleine Sponsoren, die Mitgliedsbeiträge und Spenden. Es geht immer Null zu Null auf, der CV Bierstadt ist nicht dazu da, um Geld zu verdienen, sondern ein Brauchtumsverein.

Das Interview führte Mirjam Ulrich

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