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Eine Stadt sucht ihre Identität

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In Wiesbadens Mitte steht die Kirche - aber was steht in der Mitte der Gesellschaft?
In Wiesbadens Mitte steht die Kirche - aber was steht in der Mitte der Gesellschaft? © Michael Schick

Das Symposium „Heimat Wiesbaden“ zählt 150 Teilnehmer. Ab 2016 will die Stadt Workshops zur aktuellen Identität veranstalten, auch in den Vororten.

Von Mirjam Ulrich

Die gängigen Klischees über Wiesbaden lauten ungefähr so: schön, aber etwas versnobt, weltoffen, aber irgendwie auch klein, teuer und leicht überaltert. Oft fällt der Begriff „Beamtenstadt“. Doch was macht die Stadt heute tatsächlich aus? Dieser Frage widmete sich die Veranstaltung „Heimat Wiesbaden – ein Symposium zur Identität der Stadt“. Das Interesse daran war so groß, dass es für die 150 Plätze sogar Wartelisten gab. Im Festsaal des Rathauses beleuchteten sieben Referenten das Thema unter verschiedenen Aspekten.

Das Image einer Stadt für Reiche rührt aus dem 19. Jahrhundert, wie sich durch den Vortrag „Wiesbaden und seine Vororte“ von Oberbürgermeister Sven Gerich (SPD) verdeutlichte. Die Stadt verweigerte sich lange Zeit jeglichen Eingemeindungen und war auch an einer Industrialisierung nicht interessiert, während andere Städte dadurch ihr Wachstum sicherten. Wiesbaden verfolgte damals das „Konzept der wachsenden Kurstadt“ und niedriger kommunaler Steuersätze, um finanzkräftige Privatiers anzulocken. „Biebrich hatte höhere Steuersätze als Wiesbaden.“

Erst die Krise im Kurbetrieb im und nach dem Ersten Weltkrieg führte zu einer Umorientierung. 1928 gab es die ersten, 1977 die letzten Eingemeindungen. Bis heute haben sich viele Vororte ihren eigenen Charakter bewahrt. Diese Vielfalt der Lebensmöglichkeiten bezeichnete Gerich als Gewinn für die Stadt und als Standortvorteil. „Wer zuzieht hat die Wahl zwischen Innenstadt, ländlichen Vororten, Rheinfront, Weinorten und AKK mit ihrer Nähe zu Mainz.“

Jährlich ziehen 17 000 Menschen nach Wiesbaden und weitere 20 000 innerhalb der Landeshauptstadt um, sagte Norbert Beran. Die Lebensqualität, der hohe Freizeitwert, das kulturelle Angebot und die gute Infrastruktur machen die Stadt attraktiv, erläuterte der Makler. Hauptsächlich Kapitalanleger aus Deutschland suchen Objekte, vor allem in exklusiven Lagen oder Altbau. Die exklusiven Lagen seien aber nicht erweiterbar, zuletzt seien nur Wohnviertel in B-Lagen entwickelt worden. Ebenso fehle es an barrierefreien Wohnungen, doch gerade bei der Gruppe der über 75-jährigen Einwohner werde ein starker Anstieg bis zum Jahr 2030 prognostiziert.

Quote der Armen sehr hoch

Auch die Quote der Armen ist in Wiesbaden sehr hoch, machte der Soziologe Heiner Brülle deutlich: 13 Prozent beziehen Hartz IV oder Sozialleistungen, knapp 24 Prozent der Kinder unter 15 Jahren gelten als arm. „Wiesbaden ist ärmer als Frankfurt“, sagte der Abteilungsleiter für Grundsatz und Planung im Amt für Soziale Arbeit. Die Frage „Ist Wiesbaden sozial gespalten?“ lasse sich nicht eindeutig beantworten. Es gebe jedoch eine starke Polarisierung zwischen den Stadtteilen und Wohnquartieren und nicht nur die Armut verteile sich sehr unterschiedlich.

Insgesamt wohnen mit 56,7 Prozent mehr als die Hälfte der Einwohner weniger als zehn Jahre in der Stadt. In Frauenstein betrage der Anteil 39,8 Prozent, im Inneren Westend 76,4 Prozent. 161 verschiedene Nationen leben in Wiesbaden, in Frauenstein finden sich 35, im Inneren Westend 112. Die Stadtteile mit hoher sozialer Bedarfslage erweisen sich aber als sehr leistungsfähig, stellte Brülle klar: „Das Innere Westend ist die Integrationsmaschine der Stadt.“

An eine identitätsstiftende, soziale Kommunalpolitik ergeben sich ihm zufolge die Anforderungen, dort die Bildungseinrichtungen gut auszustatten, professionelle Unterstützung der Stadtteilentwicklung durch Gemeinwesenarbeit zu leisten und intensive Bewohnerbeteiligung anzubieten. Zudem seien attraktive und kostenfreie Treffpunkte nötig – auch in der Innenstadt.

Eingewanderte fühlen sich heimisch, wenn sie sich angenommen fühlen, sagte Janet Yalaza von Kubis, dem im Inneren Westend ansässigen Verein für Kultur, Bildung und Sozialmanagement. Für das Zugehörigkeitsgefühl seien beide Seiten – die Alteingessenen und die Neuankömmlinge – verantwortlich.

In Wiesbaden gebe es zwar eine Anerkennungs- und Willkommenskultur, die müsse aber auch in öffentlichen Räumen sichtbar werden. „Die Politk kann das nicht anordnen, aber sie kann einen Referenzrahmen bieten.“ Nach Meinung der Marketing-Ökonomin muss in Wiesbaden noch mehr passieren: „Wir müssen sagen: ‚Wir brauchen Euch‘ und auch den Jugendlichen zeigen ‚Ihr gehört dazu‘.“

Die Verbundenheit mit der neuen oder alten Heimat werde längst auch mit dem Smartphone gepflegt, führte Thomas Weichel, Leiter der Stabsstelle Weltkulturerbe, aus. Er verwies auf Foren wie „Lust auf Wiesbaden“ mit mehr als 5000 Nutzern oder die Facebook-Gruppe „Du weißt, Du kennst Wiesbaden, wenn Du früher...“ mit mehr als 8000 Nutzern. Laut Weichel werden sie auch von älteren Einwohnern sowie von ehemaligen Wiesbadenern genutzt.

„Opfer-“ und „Macher-Städte“

„Was Städte im Allgemeinen so besonders macht“, erläuterte der Sozialwissenschaftler Michael Haus, Professor an der Uni Heidelberg. Das Typische einer Stadt existiere nicht unabhängig davon, wie sie immer wieder beschrieben werde, berichtete er aus seinen Städtestudien. „Städte schreiben sich Eigenschaften zu – unabhängig davon, ob sie die tatsächlich haben.“

So gebe es „schnelle“ und „langsame“ Städte, „Opfer-“ und „Macher-Städte“, Städte mit Vergangenheits-, Gegenwarts- oder Zukunftsobsession. Ob eine Stadt von sich selbst eingenommen oder selbstvergessen sei, schlage sich schon in der Nennung des Namens nieder. All das wirke sich auch darauf aus, wie sie mit ihren Problemen umgehen und Stadtmarketing betreiben.

Der Stadt Wiesbaden gab er folgende Anstöße für die Praxis: die Relevanz der Stadt zu würdigen, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen, die Potenziale der diskursiven Öffentlichkeit zu nutzen, Schnellschüsse und Engführungen zu vermeiden und die Kreativitätspotenziale zu nutzen.

Genau das geschieht aber nach Ansicht von Dominik Hofmann vom Heimathafen Wiesbaden noch viel zu wenig. Die junge Wiesbadener Kreativszene wolle die Stadt gern mitgestalten – auch die Marketing- und Werbematerialien, mit denen sich die Stadt präsentiert. „Wir müssten sagen: Wiesbaden ist eine Kreativstadt und auch so aussehen und werden.“ Es gebe viele Kreative, doch seien die in der Stadt kaum sichtbar. Es fehle auch an Räumen, um sie zu treffen.

Die Frage „hierbleiben oder abwandern?“ stelle sich daher für die jungen Kreativen, obwohl sie Wiesbaden schätzen. Dafür gebe es biografische Gründe wie Ausbildung oder Studium, aber es liege auch am Image der Stadt: „Das orientiert sich an der Vergangenheit; die jungen Kreativen richten aber den Blick voraus.“ Statt einer „Oder-Kultur“ von Kurhaus versus Schlachthof und Wilhelm- versus Wellritzstraße gelte es, eine „Und-Kultur“ zu entwickeln, denn es gehöre beides zur Landeshauptstadt.

In seinem Ausblick, wie es weitergehen könnte, kündigte Oberbürgermeister Gerich an, das Angebot an Vorträgen und Veranstaltungen wie die Kulturerbe-Reihe fortzuführen. Ab 2016 werde die Stadt zudem Workshops zur aktuellen Identität veranstalten, auch in den Vororten. „Das Image als ‚alte Weltkurstadt‘ ist schon lange nicht mehr die Identität der Stadt.“

Ein weiterer Weg, die breite Bevölkerung zu gewinnen, führe über die Schulen. Gerade von den Grundschulen erhoffe er sich, über die Schüler auch die Eltern zu erreichen. „Weniger als ein Viertel der Wiesbadener Mitte 20 ist in der Stadt geboren.“ Die Zusaamenarbeit mit bestehenden Einrichtungen sollten verstärkt werden. Zudem halte er direkte Öffentlichkeitsarbeit für förderlich. Als Beispiel nannte er die neue Einkaufstasche „Vielfalt im Kulturerbe“, sagte Gerich.

Angesichts der begrenzten Ressourcen werde er die Stabstelle Weltkulturerbe wieder direkt in das Dezernat des Oberbürgermeisters holen. Das gerade entwickelte Programm zu „Heimat und Identität“ wolle die Stadt als „Beiprogramm“ zur Welterbe-Bewerbung verstanden wissen. „Ohne die Bewerbung wären möglicherweise die Themen nicht in dieser Form aufgegriffen worden.“

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