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Larissa Deichmann (links), ihre Mutter Rosa Friedmann und Andreas Kimmel auf dem Michelsberg: Dort stand früher eine prächtige Synagoge. Heute ist der Ort Gedenkstätte. Foto: Rolf Oeser
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Larissa Deichmann (links), ihre Mutter Rosa Friedmann und Andreas Kimmel auf dem Michelsberg: Dort stand früher eine prächtige Synagoge. Heute ist der Ort Gedenkstätte.

Wiesbaden

Ein lebendiges, sichtbares Judentum

  • VonDiana Unkart
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Eine neue Wiesbadener Gemeinde will Religion zeitgemäß leben. Ihre Mitglieder wollen sich in die Stadtgesellschaft einbringen: unter anderem mit Veranstaltungen und der Gründung eines jüdischen Kultur-Cafés.

Es ist laut an diesem sonnigen Vormittag auf dem Michelsberg in Wiesbaden. Autos brettern vorbei, ein Lastwagen blockiert die Zufahrt zu einer Nebenstraße, bis ihn Polizisten in einem Mannschaftswagen wild gestikulierend weghupen. Mitten in dieser Szenerie steht Larissa Deichmann, Lehrerin, Jüdin, 1993 aus der früheren UdSSR nach Deutschland gekommen, und sagt, dass, wenn man es sich recht überlege, es eigentlich nicht angehen könne, dass eine Straße mitten durch eine Synagoge führe. Bis 1938 stand sie dort oben: ein imposanter, farbenprächtiger Bau im maurisch-byzantinischen Stil. Am 13. August 1869 wurde sie eingeweiht.

Auf den Tag 150 Jahre später fassen Larissa Deichmann und ein paar andere einen Entschluss. Sie wollen eine zweite jüdische Gemeinde in der Stadt gründen. Eine, die in der Tradition des liberalen Judentums steht, dessen Vordenker Abraham Geiger einst in Wiesbaden lehrte.

Der Ort der früheren Synagoge ist heute eine Gedenkstätte für die ermordeten Wiesbadener Juden. Dass die Gemeinde „Progressive Jüdische Gemeinde Michelsberg“ heißt, soll ein Zeichen sein. Die Zukunft gestalten ohne die Vergangenheit zu vergessen: So könnte man es knapp beschreiben. Ein lebendiges, sichtbares Judentum, bunt und vielfältig, eines, das Kultur und Philosophie integriert. So skizziert Larissa Deichmann die Vision.

Sie umzusetzen, kostet Energie und Nerven. Es knirscht. Das Thema ist sensibel und löst bisweilen sogar Feindseligkeiten aus. Es geht innerhalb der jüdischen Gemeinschaft um religiöse und kulturelle Identität, um sich verändernde Strukturen, es geht um Anerkennung, darum, wie religiöse Traditionen auszulegen sind, und um die Frage, wer eigentlich Jude ist.

Rabbiner Walter Rothschild, der der Gemeinde beratend zur Seite steht, ist Eisenbahnfan, Musiker, Kabarettist und Querulant. Jedenfalls sagt er das über sich. Er kennt die Vorbehalte, aber er sagt: „Sie sollen es versuchen.“

Die Vielfalt des Judentums sollte sich in der Gemeinde widerspiegeln, findet Deichmann. Weil sie diesen Ansatz in ihrer früheren Gemeinde in Wiesbaden zu wenig berücksichtigt sah, kam es zu Spannungen, die schließlich in der Gründung einer neuen Gemeinde mündeten. Ähnliche Entwicklungen vollzogen sich in den vergangenen Jahren in mehreren deutschen Städten. Neben den meist orthodox geprägten Einheitsgemeinden etabliert sich ein liberales Judentum. Auf Bundesebene geht es dabei auch um die Verteilung staatlicher Fördermittel.

Allen Schwierigkeiten zum Trotz: „Jetzt sind wir da“, sagt Larissa Deichmann. „Und wir bleiben.“ Die Gemeinde gehört der Weltunion für Progressives Judentum sowie dem Dachverband „Reconstruction Judaism“ an und ist nach eigenen Angaben die erste rekonstruktionistische Gemeinde in Deutschland. Die neben dem orthodoxen, dem konservativen und dem liberalen Judentum vierte Hauptströmung entwickelte sich ab den 1920er-Jahren in den USA. Dort hat die Bewegung auch nach wie vor die meisten Mitglieder. Der Rekonstruktionismus betrachtet das Judentum als sich weiterentwickelnde religiöse Zivilisation und nicht nur als Religion. Das umfasst nicht nur rituelle Aspekte, sondern alle Bereiche menschlichen Lebens, wie Geschichte, Literatur, Kunst, Musik, Land und Sprache.

Abraham Geiger

Abraham Geiger, geboren am 24. Mai 1810 in Frankfurt am Main, gilt als einer der wichtigsten Vordenker des liberalen Judentums. Aus einem strenggläubigen Elternhaus stammend, setzte sich Geiger für die Fortentwicklung des Judentums ein. Gleichwohl lag ihm an der Bewahrung orthodoxer Traditionen. Fachleute bezeichnen seine Position als gemäßigt und vermittelnd zwischen radikaleren und konservativen Gruppierungen. Nach einem Studium in Heidelberg und Bonn trat Geiger 1832, erst 22-jährig, ein Rabbinat in Wiesbaden an. Dort stießen seine Ideen – unter anderem verkürzte er Gottesdienste, wählte das Deutsche als Sprache der Liturgie oder strich traditionelle Gebete – nicht nur auf Unterstützung. Unter orthodoxen Juden regte sich Widerstand. Wichtige Impulse für die Entwicklung des liberalen Judentums gingen von der ersten von Geiger 1837 in Wiesbaden einberufenen Rabbinerversammlung aus. Weitere Synoden der liberalen Rabbiner folgten 1844 in Braunschweig, 1845 in Frankfurt und in Breslau im Jahr 1846. Während dieser Konferenzen stritten die Gelehrten teilweise heftig über reformjüdische Prinzipien. Breslau war die Großstadt, in die Geiger nach seiner Wiesbadener Zeit wechselte. Nach vielen Jahren als Rabbiner dort kehrte er zurück nach Frankfurt, wo er bis 1870 Rabbiner der Einheitsgemeinde war. Zeitlebens bemühte sich Abraham Geiger, eine Fakultät für jüdische Theologie zu gründen. Die Ausbildung durch ein Talmudstudium hielt er nicht für ausreichend. 1870 gehörte er zu den Gründern der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums, an der er von 1872 bis zu seinem Tod 1874 lehrte. Das 1999 in Potsdam angesiedelte Kolleg, neben dem Leo-Baeck-College in England das zweite nach der Shoah gegründete liberale Rabbinerseminar in Europa, erhielt den Namen Abraham Geiger. diu

Einiges ist anders, wenn sich die Mitglieder der progressiven Wiesbadener Gemeinde treffen: Frauen und Männer beispielsweise sind gleichberechtigt, sie sitzen nebeneinander und nicht getrennt. Frauen zählen zum Minjan. Der Begriff bedeutet Zahl oder Zählung und steht für die Mindestzahl von zehn im religiösen Sinne mündigen Personen, die eine Betgemeinde bilden. In traditionellen Gottesdiensten gehören dem Minjan nur Männer an. Mit einer Rabbinerin hätte niemand ein Problem. „Ich lebe Gleichberechtigung in meinem Beruf; ich fordere meine Schülerinnen auf, sich für Gleichberechtigung einzusetzen. Dann möchte ich mich nicht im Gottesdienst getrennt setzen müssen“, sagt Larissa Deichmann.

Gebetet wird auch auf Deutsch, nicht nur auf Hebräisch. Dass die neue Gemeinde sogenannte Vaterjuden aufnimmt, empfindet manche traditionellere Gruppierung möglicherweise als Provokation. Nach der Halacha, dem jüdischen Religionsgesetz, gelten nur Kinder jüdischer Mütter als jüdisch. Wer einen jüdischen Vater hat, muss konvertieren, um als Jude anerkannt zu werden. Erst dann wird ihr oder ihm in den meisten Gemeinden Mitgliedschaft gewährt. Doch dieses Prozedere ist komplex und langwierig.

Andreas Kimmel ist Geschäftsführer der als Verein organisierten Gemeinde und Vaterjude. Mit Religion, sagt er, habe er zunächst nicht viel am Hut gehabt. Jetzt engagiere er sich in und für die Gemeinde, weil es großen Spaß mache. „Wir sind eine aktive Gemeinde mit tollen Menschen und viel Kreativität.“ Etwa 75 Mitglieder gehörten ihr derzeit an. Es würden noch mehr sein, hätte die Gemeinde die Möglichkeit zu entscheiden, dass auch ihre Mitglieder auf dem jüdischen Friedhof der Stadt beigesetzt werden dürften, ist Larissa Deichmann überzeugt. Das sei vielen Juden sehr wichtig. Die Entscheidung obliege derzeit der eingesessenen jüdischen Gemeinde. Ein entsprechender Antrag sei aber gestellt.

Die Corona-Pandemie hat der jungen Gemeinde den Start erschwert. Sie hat keine eigene Synagoge. Gottesdienste sind pandemiebedingt bislang digital gefeiert worden. Das Chanukka-Fest, zu dem eine interreligiöse Veranstaltung auf dem Schlossplatz geplant war, musste in letzter Minute abgesagt werden. Eigens dafür hatten christliche, jüdische und muslimische Auszubildende der Wiesbadener Jugendwerkstatt gemeinsam eine Chanukkia, einen neunarmigen Leuchter, gefertigt.

„Wir haben Verantwortung dafür, dass so etwas wie vor 80 Jahren nicht noch einmal passiert“, sagt Andreas Kimmel. Er meint die Verfolgung und Vernichtung der Juden. Bildungsarbeit sei deshalb ein Schwerpunkt im Gemeindeleben. Rabbiner Rothschild war zu Besuch in einer Wiesbadener Schule, es gab ein Antirassismusprojekt in Zusammenarbeit mit einer Schule, kürzlich waren Jugendliche und junge Erwachsene aufgerufen, Fragen an Leon Schwarzbaum zu stellen, einem der letzten Überlebenden der Shoah und des Vernichtungslagers Auschwitz. Er ist Ehrenmitglied der Gemeinde. Die Fragen wurden Inhalt eines Zeitzeugengesprächs, das der in Wiesbaden geborene Regisseur Volker Schlöndorff mit Schwarzbaum an dessen 100. Geburtstag führte.

Für die kommenden Monate sind mehre Veranstaltungen geplant, unter anderem zu Strömungen des Judentums, zur jüdischen Geschichte oder jüdischem Humor. „Wir wollen zeigen, was es heißt, jüdisch zu sein“, sagt Andreas Kimmel. Kein Verstecken. Und keine Angst vor Antisemitismus? Larissa Deichmann sagt, sie gehe offen mit ihrer Religion um und sei noch nicht angefeindet worden. Dennoch wisse sie, dass es Menschen gebe, die den Begriff Jude als Schimpfwort gebrauchten und auch ihre Tochter habe schon Sprüche gehört, „die unter die Gürtellinie gingen“. Aber gerade um Vorbehalte abzubauen, sei es notwendig, einander kennenzulernen.

„Dass sich Juden verstecken, ist traurig“, sagt Rabbiner Rothschild. „Ich gehe in Schulen, in Kirchen: Es ist wichtig, mit Nichtjuden zu reden.“

Zum Kennenlernen und zum Austausch soll ein jüdische Kulturcafé dienen, dessen Einrichtung in Planung ist. Organisiert werden soll es, das ist zumindest die Idee, als Kooperative.

Die Gemeinde will sich außerdem dafür einsetzen, dass Wiesbaden wieder eine jüdische Schule bekommt. Und wenn es nach Larissa Deichmann und Andreas Kimmel geht, auch wieder eine liberale Synagoge.

Die 35 Meter hohe Synagoge auf dem Michelsberg war eines der schönsten Gebäude der Stadt, wie eine Ausstellung zur Visualisierung der ehemaligen Synagoge zeigt.
Die Jüdische Gemeinde Wiesbaden kommt in ihrer Synagoge in der Friedrichstraße zusammen.

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