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Ein Ex-Polizist wird Landschaftsobstbauer

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Von: Mirjam Ulrich

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Nach rund 40 Jahren Polizeiarbeit lässt sich Thilo Knop zum Landschaftsobstbauern ausbilden.
Nach rund 40 Jahren Polizeiarbeit lässt sich Thilo Knop zum Landschaftsobstbauern ausbilden. © Michael Schick

Der ehemalige Polizeihauptkommissar Thilo Knop begeistert sich für Streuobstwiesen und lässt sich jetzt entsprechend ausbilden.

Im Leben von Obstbäumen und Menschen gibt es für den ehemaligen Polizeihauptkommissar Thilo Knop viele Parallelen. Damit die Bäume gedeihen und viele Früchte tragen, muss man sie begleiten und erziehen wie Kinder. Wie diese fingen auch Obstbäume an zu pubertieren, erläutert der 60-jährige Vater zweier erwachsener Kinder, der morgen die Prüfung zum zertifizierten Landschaftsobstbauern ablegt. Doch wenn die Bäume wüchsen, wie sie wollten, würden sie nicht so alt, „deshalb sprechen wir Landschaftsobstbauern auch von einem Erziehungsschnitt“.

Thilo Knops Begeisterung für Streuobstwiesen entstand im Garten. Wenn er dort gearbeitet, fotografiert oder Tiere und Insekten beobachtet habe, „vergaß ich alles Dienstliche“, erzählt er. Als er vor mehr als 30 Jahren begonnen habe zu gärtnern, habe er keine Ahnung gehabt, sondern aus Büchern, Zeitschriften und von anderen Gärtnern gelernt. Mit der Zeit entwickelte er den Ehrgeiz, dass nichts in seinem Garten gekauft sein sollte. Immer wieder gestaltete er den Garten um. „Wenn jemand eine Affinität zur Natur hat, entwickelt sich auch die Person mit dem Garten.“ Inzwischen ist es ein Naturgarten, ein Refugium für Wildbienen, Schmetterlinge und Regenwürmer.

Als seine Ehefrau Barbara in Miehlen bei Nastätten Ackerland erbte, tauschten sie es gegen ein anderes Grundstück und er legte mit Hilfe eines Gärtnermeisters eine Streuobstwiese an. Seit vier Jahren engagiert er sich zudem im Streuobstverein Heidenrod, seiner Lieblingsgegend im Naturpark Rheingau-Taunus.

Thilo Knop wuchs in Hilchenbach im Siegerland auf. Er besuchte ein altsprachliches Gymnasium, fand Schule aber „gruselig“, erst recht Latein. Mit 16 drohte ihm, das zweite Mal sitzenzubleiben. Nach einem Krach mit seinem Vater, einem Ingenieur, stürmte er wutentbrannt aus dem Haus und trampte in die Stadt. Der Autofahrer ließ ihn vor einem Schild aussteigen: „Polizei 50 Meter“.

Mit der Polizei hatte der Teenager mit der langen Mähne eigentlich nichts am Hut. Doch er folgte dem Schild und holte sich in der Polizeistation die Bewerbungsunterlagen. „Mein größter Wunsch war, Ranger zu werden, aber den Beruf gab es damals in Deutschland nicht.“ Ende März 1979 bestand er die Aufnahmeprüfung, die Durchfallquote lag bei 10:1. „Das war damals noch eine richtig harte Ausbildung, militärisch angehaucht.“

Er, der als Schüler gegen den Ausbau der Autobahn 44 war, kam 1983 nach Mörfelden-Walldorf, mitten in die Auseinandersetzungen um die Startbahn West. „Ich habe nie einen Schlagstock gegen einen Menschen eingesetzt.“ Prägend seien seine Vorgesetzten gewesen, von ihnen lernte er nicht nur Disziplin und Höflichkeit, sondern auch, „dass das nicht unsere Gegner sind, sondern Bürger“.

Knop war lange bei der Hessischen Bereitschaftspolizei, absolvierte die Ausbildung zum Scharfschützen, gehörte Spezialeinheiten an. 1990 wechselte er zum Polizeirevier Biebrich, am längsten arbeitete er auf dem dritten Revier im Europa-Viertel. Dort ermittelte er gegen Hells Angels und Bandidos.

Im Jahr 2000 schloss er das Studium zum Diplom-Verwaltungswirt ab. Zu den Früchten seiner Arbeit gehört die AG Häusliche Gewalt, die er mitvorbereitete. Zeitweise musste er sogar privat eine Waffe tragen, nachdem er eine 15-Jährige vor der Zwangsverheiratung in Sicherheit gebracht hatte. Und er entwickelte ein Konzept zum Schutz von Stalkingopfern. In dieser Zeit habe er „auch Federn gelassen“.

Später leitete der leidenschaftliche Rad- und Tourenfahrer, der mit seiner Frau im Urlaub 1000 Kilometer fuhr und zeltete, erfolgreich die AG Fahrrad. „Das Schönste als Ermittler war immer, ganz unkonventionelle Wege zu gehen.“

Ende 2018 bat ihn der damalige Landespolizeipräsident, als „Schutzmann vor Ort“ Kontaktbeamter für die östlichen Vororte Wiesbadens zu werden. Kurz darauf musste Thilo Knop notoperiert werden: Der Krebs ist nicht heilbar. „Das war ein gehöriger Einschnitt in meinem Leben.“ Er habe aber keine Angst, sondern sei zufrieden und dankbar, sagt er. Neben seiner Arbeit als Schutzmann vor Ort absolvierte er 2019 die Ausbildung zum Naturparkführer. Die Pandemie bremste ihn als Risikopatient beruflich aus, und auch als Naturparkführer konnte er noch nicht loslegen. Stattdessen ließ er sich zum Landschaftsobstbauern ausbilden. Eine Reise nach Wales im Sommer brachte ihm neue Inspiration für einen klimaresilienten Garten. „Ich will der Natur noch viel mitgeben, bevor ich sterbe.“ Denn die Bäume auf seiner Streuobstwiese kommen jetzt in die Pubertät.

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