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Ein etwas anderer Spaziergang in Wiesbaden

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Von: Mirjam Ulrich

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Petra Eberle mit einer Kunstrose als Requisit am Grab von William Lohr.
Petra Eberle mit einer Kunstrose als Requisit am Grab von William Lohr. © Michael Schick

Petra Eberle bietet kulturelle Führungen über den Südfriedhof an. Die Idee kam ihr 2020 während der Corona-Pandemie.

Liebesaffären, Verleumdung und Todeszelle: Skandale und Tragödien prägen das Leben von Prinzessin Louise von Belgien. 1858 kommt sie als erstes Kind des späteren belgischen Königs Leopold II. zu Welt. Ihr Vater – er ließ den Kongo brutal ausbeuten – gilt als einer der reichsten Monarchen Europas. Louise jedoch stirbt 1924 völlig verarmt. Dazwischen liegen ihre gescheiterte Ehe mit Prinz Philipp von Sachsen-Coburg und Gotha, die Verbannung vom Wiener Hof und Schulden in Millionenhöhe. Der österreichische Kaiser Franz Joseph lässt sie verhaften, entmündigen und in die Psychiatrie einweisen. Ihr Geliebter, ein kroatischer Graf, landet im Gefängnis. Später macht er ihr Schicksal öffentlich und verhilft ihr zur Flucht. Nach dem Ersten Weltkrieg verurteilen Bolschewisten sie 1919 in Ungarn wegen angeblicher Spionage zum Tode. Kurz vor der Hinrichtung wird sie begnadigt. Fünf Jahre später stirbt sie in Wiesbaden im „Nassauer Hof“ und wird auf dem Südfriedhof beerdigt.

Das Schicksal der Prinzessin, zählt zu den Lebensgeschichten, die Petra Eberle auf ihrer Führung über den Südfriedhof schildert. „Ich beleuchte das Leben weltberühmter Persönlichkeiten stellvertretend für alle anderen, die dort begraben sind“, erläutert sie. Die Tour führt aber ebenso zu Grabstätten von Menschen, über die öffentlich nichts bekannt ist. „Auch die will ich würdigen.“

Gemeinsam mit den Musicaldarstellern Lydia Anastasopoulou und Kenny Cassel gestaltet sie die Führung mit Schauspiel, Gesang, Gedichten und Geschichten als „Reise durchs Leben“. Den kulturellen Spaziergang bietet sie seit November 2021 nebenberuflich an – Petra Eberle ist bei einem großen Automobilzulieferer zuständig für interne Kommunikation und Nachhaltigkeit.

Führungen

Die Termine der nächsten Führungen sind am Sonntag, 8. Mai, um 11 Uhr, am Freitag, 3. Juni, um 17.30 Uhr sowie am Samstag, 6. August, um 10 Uhr.

Der Spaziergang dauert etwa anderthalb bis zwei Stunden.

Die Teilnahme kostet 26 Euro und ist auf 15 Personen begrenzt. miu

Anmeldung und weitere Informationen unter: neuewegefuerdich.de

Auch in ihrer Freizeit geht sie häufig auf Friedhöfen spazieren, am liebsten morgens. Die faszinierten sie bereits als Kind in Süddeutschland. Sie betrachtete die schmiedeeisernen Kreuze mit den Portraits der Verstorbenen und fragte sich, welch ein Leben sie geführt hatten. Manch Erwachsener fand das morbide.

Den Südfriedhof entdeckte Petra Eberle bald nach ihrem beruflich bedingten Umzug 2005 nach Wiesbaden, als sie an einer Führung teilnahm. Er gefiel ihr auf Anhieb: das Entree, das wie ein barocker Garten wirkt, wie auch die offene und weitläufige Anlage, die an einen Englischen Landschaftsgarten erinnert. „Er erschien mir sehr lebendig.“

Die Idee, dort selbst Führungen anzubieten, kam ihr 2020 durch die Pandemie. Viele Menschen fürchteten sich plötzlich vor dem Sterben, sagt sie. „Früher hatte ich auch Angst vor dem Tod, das habe ich jetzt nicht mehr.“ Mit ihrer Friedhofstour wolle sie anderen Mut machen und sie anregen, mit anderen Augen aufs Leben zu schauen und auch schwierige Situationen als Chance zu begreifen.

„Ich will Schicksalsschläge nicht kleinreden“, sagt die 62-Jährige. In ihrem eigenen Leben habe sie auch Herausforderungen zu bewältigen gehabt und Zeit gebraucht, „um in die Leichtigkeit des Lebens zu finden“. Die Führung solle Lust auf Leben machen, erläutert Petra Eberle: „Das Leben ist endlich und wir haben vermutlich nur das eine.“

Auch am Grab des Rittmeisters Manfred Freiherr von Richthofen geht es vorbei.
Auch am Grab des Rittmeisters Manfred Freiherr von Richthofen geht es vorbei. © Michael Schick

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