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Ein Baukunstwerk und Schatzhaus mitten in Wiesbaden

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Von: Diana Unkart

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Das vollverglaste nach oben offene Atrium spendet Tageslicht und erstreckt sich über die gesamte Gebäudehöhe.
Das vollverglaste nach oben offene Atrium spendet Tageslicht und erstreckt sich über die gesamte Gebäudehöhe. © Michael Schick

Mit dem Museum Reinhard Ernst entsteht in der Stadt ein internationales Zentrum für abstrakte Kunst und ein Gebäude, das auch an Architektur Interessierte anziehen wird.

Gerüste verstellen den Blick auf das Gebäude, von dem Oliver Kornhoff sagt, es sei „das neue Must-see in Deutschland für zeitgenössische Architektur“. Der promovierte Kunsthistoriker Kornhoff ist Gründungsdirektor des Museums Reinhard Ernst, das in exponierter Lage an der Wiesbadener Wilhelmstraße entsteht und ein internationales Kompetenzzentrum für abstrakte Kunst werden soll.

Vor Jahren stand Fumihiko Maki auf der gegenüberliegenden Seite und hielt seine ersten Ideen für den Ort in Form von Skizzen fest, die dem heutigen Bau erstaunlich ähnelten. Der japanische Architekt Maki ist hochdekoriert, ausgezeichnet unter anderem mit dem Pritzker-Preis, und er ist ein Freund von Reinhard Ernst. Museen und Kulturgebäude, die Maki entworfen hat, stehen unter anderem in Ontario in Kanada, in Bihar in Indien, in San Francisco oder in der chinesischen Metropole Shenzhen.

„Zuckerwürfel“, diesen Namen habe der Volksmund dem Bau in Wiesbaden gegeben, erzählt Direktor Kornhoff lachend. Wegen seiner kubischen Form und seiner weißen Fassade, die bislang erst an einigen wenigen Stellen sichtbar ist. 400 Millionen Jahre alter Granit, Bethel White, aus Vermont in den USA wird die Außenhaut bilden. Jeder Stein sei händisch bearbeitet und angeraut worden, damit die Fassade das Sonnenlicht noch stärker reflektiere.

Oliver Kornhoff, gebürtig aus Köln, hat die Direktorenstelle in Wiesbaden im Dezember 2021 angetreten – nach zwölf Jahren als Direktor des Arp-Museums Bahnhof-Rolandseck in Remagen. Er sei nicht von etwas weggegangen, sagt er, sondern zu etwas anderem hin. „So eine Chance bekommt man nur einmal im Leben.“ Gründungsdirektor zu sein, bedeutet, den Bau zu begleiten, das Museumsteam zusammenzustellen, die erste Hängung vorzubereiten oder Konzepte für die Medienguides zu entwickeln. „Wir machen uns Gedanken, was wir über die Bilder erzählen wollen.“ Bis das Museum öffnet – aktuell ist der Herbst dieses Jahres anvisiert – gibt es noch viel zu tun. Ende März kommen alle am Bau Beteiligten zusammen. Spätestens dann soll klar sein, ob das Museum wie geplant öffnen wird.

Von Chancen und Glücksfällen ist im Zusammenhang mit dem Museum häufiger die Rede. Als die Bauarbeiten 2019 begannen, sagte Oberbürgermeister Gert-Uwe Mende (SPD), das Museum sei ein Glücksfall für Wiesbaden. So etwas erlebe man höchstens alle 100 Jahre. Ursprünglich hatte Reinhard Ernst der Stadt Limburg, in der er als Unternehmer tätig war, die Idee eines Kunstmuseums unterbreitet. Dort aber war man nicht darauf eingegangen. In Wiesbaden, wo Reinhard Ernst mit seiner Frau Sonja seit dem Jahr 2000 lebt, stimmten Bürger:innen und die Politik für den Museumsbau. Die Stadt stellte das Grundstück in direkter Nachbarschaft zum Museum Wiesbaden zur Verfügung. Ursprünglich sollte auf dem Areal ein Stadtmuseum entstehen, aber die Pläne hatten sich zerschlagen.

Die Reinhard-&-Sonja-Ernst-Stiftung lässt den Bau für rund 60 Millionen Euro errichten und wird das Museum später auf eigene Kosten betreiben.

Reinhard Ernst hat einmal in einem Interview gesagt, ein Museum solle bei den Besuchern nicht Ehrfurcht auslösen, sondern Wohlbefinden. Sein Museum in Wiesbaden wird im Erdgeschoss ohne Eintritt frei zugänglich sein. „Wir verlängern die Wilhelmstraße als Flaniermeile“, erläutert Oliver Kornhoff. Besucher:innen betreten das Museum von der Wilhelmstraße aus durch eine Drehtür und gelangen ins Forum, in dem es unter anderem Gastronomie und einen Museumsshop geben wird und wo Kunstwerke gezeigt werden. „Man kommt rein und kann schon mal Kunst genießen.“

Zum Beispiel ein Gemälde aus Glas von Katharina Grosse, das eigens für das Museum in Auftrag gegeben wurde. Oder „Pair“, zwei tonnenschwere Skulpturen von Tony Cragg, die ein Kran ins Museum hob, bevor die Fassade geschlossen wurde. Das Kunstwerk in einer sich über zwei Stockwerke erstreckenden Nische ist derzeit eingehaust. Die Skulptur des baskischen Künstlers Eduardo Chillida, die ihren Platz im lichtdurchfluteten gläsernen Innenhof finden soll, trägt den Namen „Buscando la luz III“ („Looking for the light III“). Reinhard Ernst hatte sie für das Museum ersteigert. Das Museum dient als Schatzhaus für eine Sammlung, die in mehr als 30 Jahren aufgebaut wurde und der Öffentlichkeit, von einigen wenigen Werken abgesehen, bis dato nicht zugänglich war. Es soll ein Ort werden zum Erleben von Gemeinschaft, „einer, an dem du herzlich willkommen bist“, sagt Oliver Kornhoff.

Der Innenhof, das Atrium, wird mit einem zwölf Meter hohen Japanischen Ahorn bepflanzt – eine Hommage an den Architekten und den japanischen Schwerpunkt der aktuell 866 Werke umfassenden und noch wachsenden Kunstsammlung. Ernst sammelt vornehmlich abstrakte deutsche und europäische Nachkriegskunst, Werke des abstrakten amerikanischen Expressionismus und abstrakte japanische Kunst. Einen besonderen Platz in der Sammlung nimmt die japanische Künstlergruppe Gutai ein. Die Dauerausstellung des Museums soll etwa alle drei Jahre neu bestückt werden. Daneben sind Sonderausstellungen geplant. Die erste wird sich dem Schaffen Makis widmen.

„In gewisser Weise ist es Kunst, die wir schaffen“, sagt Maki, der Architekt, in einem Video. Die Architektur soll Teil des Museumserlebnisses sein. Keine Wand sitzt über der anderen. Die neun Ausstellungsräume, zusammen umfassen sie eine Fläche von rund 2000 Quadratmetern, erzielen unterschiedliche Wirkungen. Von einem kompakten Raum mit nur einem Fenster tritt der Besucher oder die Besucherin in einen Raum, der Kathedrale genannt wird: hoch, geschossübergreifend, das Licht fällt von oben ein. Der Raum bietet großen Kunstwerken Platz. „Ein fast schon spirituelles Erlebnis“, befindet Museumsdirektor Kornhoff. Eine gewisse Detailversessenheit des Mäzens – durchaus im positiven Sinne – ist außen wie innen sichtbar. Zu den 2000 Quadratmetern Ausstellungsfläche kommen 7000 Quadratmeter Nutzfläche. Dazu gehört ein hochwertig ausgestatteter Veranstaltungsraum für Vorträge, Seminare, Feiern und zur privaten Vermietung.

Ein wichtiges Anliegen ist Reinhard Ernst die Vermittlung von Wissen über abstrakte Kunst. Im Museum sollen Kinder und Jugendliche an den Kunststil herangeführt werden, in einer neuen, modernen Weise. Sie erarbeiten sich das Gesehene und Erlebte in digitaler Form. Und weil, wie Kornhoff sagt, Kunst zu erschaffen mit dem gesamten Körper zu tun hat, darf sich bewegt und zum Beispiel getanzt werden. Es gehe um Dynamik und Fröhlichkeit. Damit seien Kinder in einem Museum nicht vertraut. Normalerweise heiße es dort: psst. Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre können das Museum kostenlos besuchen.

Dass abstrakte Kunst schwer zugänglich und verständlich sei, dieses Vorurteil will das Museum widerlegen. Anders als für die Kunst früherer Zeiten brächten die Menschen alles mit, um die abstrakten Kunstwerke zu dechiffrieren, sagt Kornhoff. „Alles, was Sie wissen müssen, ist im Bild.“

Gründungsdirektor Oliver Kornhoff sagt über die Stelle, sie sei ein Glücksfall in seinem beruflichen Leben.
Gründungsdirektor Oliver Kornhoff sagt über die Stelle, sie sei ein Glücksfall in seinem beruflichen Leben. © Michael Schick

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